Hallo, hereinspaziert und herzlich willkommen auf der 50-Jahrfeier von Heim II. Wir hoffen, dass Sie einiges Interessantes sehen werden und neue Dinge entdecken können. Wir werden versuchen, Ihren Besuch mit netten Anekdoten, wahrhaft Unglaublichem und unglaublichen Wahrheiten interessant zu gestalten.
Aber nun ein paar Fakten: Heim II ist 1957 gebaut worden und wurde 1958 im Mai erstmalig bezogen. Damit war es das erste als Studentenwohnheim gebaute Studentenwohnheim und das dritte Heim in Clausthal.
Damals noch als Heim 3 bezeichnet, bot es in 28 Zimmern Platz für 53 Studenten. Wer kurz nachgerechnet hat, hat es bestimmt schon selbst gemerkt - es waren fast alles Doppelzimmer. Aber das ist nicht das Einzige, was aus heutiger Sicht sicherlich etwas befremdlich wirkt: Während des Aufbaus der Heimselbstverwaltung entwickelten die damaligen Heimbewohner eine Satzung, die unter anderem Regelungen enthielt, dass "die Heimmitgliedschaft [...] grundsätzlich erst nach Ablegung des Vorexamens erworben werden" konnte. Außerdem gab es eine Regelung, die neben der eventuell auftretenden Verwunderung noch einen interessanten Aspekt beinhaltet: So war es in den 60er Jahren anscheinend nicht üblich, dass sich in die Männerdomäne Clausthal eine Frau verirrte und wenn doch, sollte sie sich anscheinend sehr bewusst sein, dass Ingenieure, Bergleut und andere technische Studiengänge nichts für sie waren - nach der Heimsatzung von 1962 war festgelegt, dass Frauen (auch Ehefrauen) von 23:00 bis 9:00 Uhr der Aufenthalt in Heim II verboten sei. Glücklicherweise hielt dies nur acht Jahre und im Jahre 1970 trug man endlich dem §3 Absatz 2 des Grundgesetzes Rechnung und entfernte diese Passage aus der Heimsatzung.
In eben dieser Satzung steht aber auch, dass von 23:00 bis 7:00 Uhr sowie von 13:00 bis 15:00 strenge Heimruhe einzuhalten sei. Irgendwie war es doch wie ein echtes Heim, in dem auf Ruhe, Zucht und Ordnung geachtet wurde. Um dies zu gewährleisten und auch um die Heimgemeinschaft zu unterstützen, waren am Anfang noch Tutoren im Wohnheim einquartiert, die sich um den Aufbau der Heimgemeinschaft und der Selbstverwaltung kümmern sollten. Im ersten Zimmer des ersten Flures, quasi direkt neben der Eingangstür untergebracht, bleibt es im grauen Schleier der Alten Tage versteckt und somit der Fantasie des geneigten Lesers überlassen, was ansonsten noch zu den Aufgaben des Tutors gehörte.
In jenen fernen Tagen etablierte sich neben Heim- und Flursprecher auch der Bierwart, der von jenem Tag an dafür zuständig war, eine Getränkeversorgung für das Wohnheim herzustellen. Anders als der Name vermuten lässt, gehört auch die Bereitstellung von Limonaden, Wasser und Säften zu seiner Aufgabe und die Abrechnung der Listen. Denn in Heim II gab es schon damals ein Prinzip des gegenseitigen Vertrauens und der Getränkeverkauf wurde über eine Strichliste geregelt, darauf bauend, dass niemand stiehlt.
Früh gründete sich auch schon eine Gruppe aus Menschen, die gemeinsam miteinander Sport trieben. So geben die alten Chroniken aus den Tagen unserer Väter zum besten, dass bereits 1967 der erste Heimkegelabend statt fand.
Vieles ist passiert und vieles hat sich geändert seit dieser Zeit. Das Wichtigste zuerst: Es gibt endlich auf allen Etagen separate Frauentoiletten - §3GG lässt grüßen, nun gut... Das Wohnheim gehört jetzt dem Studentenwerk Braunschweig, hat Küchen an neuen Orten und vier zusätzliche Zimmerplätze bekommen. Heute wohnt man nicht mehr in Doppelzimmern und muss sich mit seinen Mitbewohnern eine Tür teilen, sondern kann auf meist lauschigen 10m² sein ganz eigenes Reich aufbauen. Was sich nicht geändert hat, ist der Gemeinschaftssinn. Bestes Beispiel sind die gemeinschaftlichen Grillabende, Flurweihnachtsfeiern, ebenso wie der Fluchtpunkt. "Der was?", wird sich jetzt der ein oder andere fragen, denn mit Kunst hat diese TU eigentlich ja nichts zu tun. Aber der Fluchtpunkt bezeichnet in Heim II den gemeinschaftlich genutzten Partykeller, der neben der Möglichkeit Partys zu feiern auch einen Platz zum relaxen, fernsehgucken oder zum diskutieren bei einem oder zwei Bieren gibt.
Dieser Partykeller wurde in seiner jetzigen Form von den Bewohnern des Heimes her- und eingerichtet, jeweils in einer gemeinschaftlichen Aktion.
Auch die Strichlisten gibt es noch, sowohl für Getränke aber auch für die Waschmaschine, aber dazu später mehr.
Um nocheinmal den Gedanken der Parties aufzugreifen: Diese wurden von den Bewohnern auch gerne gefeiert. So gibt es zwei große, regelmäßige Feiern, die Heim II ausrichtet. Zum einen ist da die Winterparty, die, wie der Name schon erahnen lässt, immer im Winter stattfindet. Dieses Jahr fiel sie allerdings aus, um Energie und Ressourcen für das 50-jährige Jubiläum freizustellen.
Die andere Party ist weitaus größer! Es handelt sich um die Heim ½ Party, die seit 1992 als Gemeinschaftsprojekt der Wohnheime I & II stattfindet. Dabei wurde, solange es sie gab, in der alten Mensa gefeiert. Als diese nicht mehr nutzbar war, wurde ein paar Jahre pausiert und seit 2005 gibt es die Heim ½ Party wieder in einer etwas anderen Form, nämlich ohne Mensa, aber immer noch mit Open-Air-Bereich und zwei Wohnheim-Partykellern.
Aber soweit erst einmal von Feiern, es wird ja den geneigten Leser schließlich auch interessieren, was sonst noch in der neueren Zeit passiert ist.
Im Jahre 1994, am 16. März um genau zu sein, wurde Heim II als erstes deutsches Studentenwohnheim direkt an das Internet angeschlossen. Was heute nicht mehr allzu aufregend klingt, war damals noch so befremdlich und neu, dass die Zeitung davon berichtete, dass Heim II an das "Internat" angeschlossen wurde. Es sei angemerkt, dass die nötige Verkabelung von den damaligen Bewohnern in Eigenarbeit geleistet wurde.
Zehn Jahre später wurde die wohnheimeigene Bibliothek "mehr oder weniger offiziell und höchst formlos eröffnet". Dank zahlreicher Spenden können die Bewohner nun auf ein Bücherwerk von über 100 Büchern schauen, welches zum Teil Sachbücher und zum Teil Romane sind.
Der Umbau im Jahre 2004 hat dem Wohnheim neue Küchen beschert. Auch im Rahmen dieses Umbaus waren Heimbewohner daran beteiligt, Ideen mit einzubringen und aktiv an der Gestaltung der Küchen mitzuwirken. Sicherlich auch ein Indiz dafür, dass der Vermieter, das Studentenwerk, stehts bemüht war, auf Ideen der Bewohner einzugehen und für eine konstruktive Diskussion über diverse Themen immer ein offenes Ohr hatte.
Das Ergebnis des Umbaus kann sich durchaus sehen lassen und wird von Besuchern des Wohnheimes immer wieder lobend und bewundernd erwähnt: So sind zwei Küchen mit einer Inselherdlösung entstanden, die versuchen, den gegebenen Raum möglichst gut auszunutzen. Die dritte Küche wurde mit dem Nebenraum verbunden und ebenfalls gänzlich erneuert.
Auch das Thema Umweltschutz hat die Heimgemeinschaft beschäftigt und so wurde von den Heimbewohnern eine neue, energiesparende Waschmaschine angeschafft, die die Bewohner aus eigener Tasche bezahlt haben. Die Abrechnung des Waschens erfolgt, wie früher im Text schon angemerkt, immer noch über Strichlisten.
Während all der Zeit waren die Heimbewohner nicht nur auf ihr Studium konzentriert, sondern haben sich im studentischen Leben engagiert, gemeinsam Sport getrieben, gegrillt und aktuelle politische Themen diskutiert.
Die weitesten Wellen schlug in diesem Zusammenhang wohl der Protest gegen Mieterhöhungen im März 1993. Zu dieser Zeit wollte das Studentenwerk die Mieten erhöhen und in den Reihen der Studenten regte sich Protest. Zwischen den Wohnheimen 1 & 2 wurde daraufhin ein Iglu gebaut, der von der Grundfläche einem Heimzimmer entsprach. Dieser Iglu wurde von den Bewohnern der Heime fast zwei Wochen lang bewohnt und die Berichterstattung fand sogar im Fernsehen durch Privatsender statt. Es sei die Anmerkung erlaubt, dass es um eine Mieterhöhung von 23 DM ging, die die Kaltmiete auf 13 DM pro Quadratmeter erhöht hätte. Wer die heutige Miete dagegen stellen möchte, sei herzlich eingeladen, ein wenig zu rechnen.
Doch auch beim Thema Studiengebühren, etwas mehr als zehn Jahre später brachten die Bewohner des Heimes ihren Protest mit einem Transparent über dem Eingang zum Ausdruck (siehe dem Foto auf dem Titelblatt).
Was 1967 mit dem Heimkegelabend begann, wuchs weiter: Heimbewohner, die gemeinsam Sport treiben und sich dessen so sicher sind, dass sie an Wettkämpfen teilnahmen und immer noch nehmen. Natürlich kann dies nicht immer von Erfolg gekrönt sein. Aber es ist erfreulich, wie oft es das doch ist: Der erste Erfolg kann 1978 bei den Hochschulmeisterschaften im Fußball bekundet werden, wo die Spieler der Mannschaft "Studentenwohnheim II" den 2. Platz errangen. Aber auch bei "Schwimm-Bierstaffel", Wasserball, allgemeinen Schwimmstaffeln, Handball, Basketball, Volleyball und diversen Fußballturnieren konnten immer wieder erste Plätze erkämpft werden. Zur Vorbereitung solcher "Events", aber auch zur gemeinschaftlichen körperlichen Ertüchtigung haben die Bewohner während der "Heimsportstunde" eine eigene Nutzungszeit der TU-Sporthalle.
Auch in der geistigen Disziplin, dem "Kellerquiz" des Kellerklubs konnten erste Plätze erreicht werden.
Eine weitere Besonderheit des Studentenwohnheims ist, dass sich die Bewohner in einer GbR organisiert haben.
Im Jahre 1983, auf der Heimversammlung zum Wintersemester hatte die Unzufriedenheit der Bewohner über die bisherige Reinigungsleistung der Putzkräfte einen solches Ausmaß angenommen, dass beschlossen wurde, eine GbR zu gründen, um eine eigene Reinigungskraft zu beschäftigen.
Mit Hilfe des Studentenwerks wurde am 01.01.1984 eine Vereinbarung rechtsgültig, nach der das Studentenwerk seine Verantwortung der Gebäudereinigung an die GbR Heim II abtrat. Im Wohnheim wurde das Amt des Putzwartes eingeführt um aus dem Zusammenschluss dieser den Putzausschuss zu gründen. Der Putzausschuss kümmert sich seit dem um alles, was im Zusammenhang mit dem Putzen des Heimes an Schwierigkeiten und Notwendigkeiten auftaucht. Die Beschaffung von Reinigungsmitteln, das Einstellen einer Reinigungskraft und die Lohnabrechnung gehören ebenso dazu, wie die Klärung von Versicherungsfragen.
Doch auch Projekte, die nicht von allen getragen werden, können hier Akzeptanz finden. So hat sich eine Gruppe von Heimbewohnern zusammen getan und ein wenig Geld gespendet, von welchem dann ein Stück Regenwald gekauft wurde. Die Urkunde haben die Spender im Sinne der Gemeinschaft bewusst auf den Namen "Heim II" ausstellen lassen.
Auch der Ausdruck "Heimkind" kriegt eine etwas andere Bedeutung, wenn man weiß, dass sich einige der Bewohner gefunden haben und die Patenschaft für ein Kind in Malawi übernommen haben. Sie heißt Pilirani und durch die Förderung der Paten aus Heim II wird ihr eine solide schulische Ausbildung ermöglicht.
Somit bleibt noch zu sagen, dass dem Heim und der Heimgemeinschaft auch für die nächsten 50 Jahre alles Gute zu wünschen ist. Auf das es weiterhin im Zentrum der Stadt und vielleicht auch ein bisschen im Zentrum des studentischen Lebens bleibt.
Den Bewohnern könnte man wünschen, dass die offenen Zimmertüren weiterhin ein Zeichen für die Weltoffeneheit und Diskussionsfreude bleiben.
Denn getreu dem Motto des Wohnheims "Ein Hauch herber" wird es bestimmt noch das ein oder andere Mal von sich reden machen.