Miguel Ángel Asturias
Kurzbiographie:
Guatemaltekischer Schriftsteller. In seinen Werken spiegeln sich die Probleme seines Landes wieder: Verfall der Moral unter einer Diktatur, soziale Verhältnisse, der Wirtschaftsimperialismus der USA. Durch die Kombination von indigenem Glauben und Legenden mit politischer und sozaialer Realität schuf Asturias den sogenannten "Magischen Realismus", der von vielen, vor allem lateinamerikanischen Autoren (zum Beispiel Gabriel García Márquez und Isabel Allende) angenommen wurde.
* 19.10.1899, Ciudad de Guatemala, + 9.6.1974, Madrid. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften ging er 1923 nach Paris, studierte an der Sorbonne Religions- und Völkerkunde bis 1926. Wurde Diplomat und vertrat sein Land in Méxiko, Argentinien und Frankreich. 1955 verzichtete er aus politischen Gründen auf sein Amt, 1966 ging er wieder als Botschafter nach Paris, 1967 Literaturnobelpreis für die "Bananentrilogie" ("Sturm", "Der grüne Papst", "Die Augen der Begrabenen").
"Legenden aus Guatemala" (1930), "Der Herr Präsident" (Roman, 1946), "Die Maismenschen" (Roman, 1949), "Sturm" (Roman, 1949), "Der grüne Papst" (Roman, 1954), "Weekend in Guatemala" (Novellen, 1955), "Die Augen der Begrabenen" (Roman, 1960), "Don Niño oder Die Geographie der Träume" (Roman, 1961), "Mulata de Tal" (Roman, 1964), "Der Spiegel der Lida Sal" (Erzählungen, 1967), "Der böse Schächer" (Roman, 1968), "Ein Land, das schmeckt" (mit Pablo Neruda, Essays und Gedichte, 1970), "Drei von vier Sonnen" (Roman, 1971).
Miguel Ángel Asturias habe ich zu lesen begonnen bevor ich meine Leidenschaft für die Literatur entdeckte. Im Jahre 1993 war ich mit dem Fahrrad in Guatemala unterwegs und wurde an der schwarzen Pazifikküste -- der Vulkanstaub färbt den Sand des Strandes ein -- nahe Puerto San José von zwei Männen mit Macheten ausgeraubt. Unter anderem nahmen die Diebe 250 Seiten meiner Tagebücher mit sich und mein jüngstes Photomaterial. Zurück in Deutschland bemühte ich mich, meine Reiseerlebnisse möglichst schnell aus dem Gedächtnis aufzuzeichnen, um nicht mehr als nötig davon zu verlieren. Darauf aufbauend entstand das kleine Büchlein Marimba und Macheten. Um dieses mit ein wenig Hintergrund auszustatten, machte ich mich auf die Suche nach landeskundlicher Literatur, wurde aber, was Guatemala betrifft, kaum fündig. Dafür stieß ich imme wieder auf den Namen Asturias und auf Zitate aus den Maismenschen. In der Lektüre dieses Romans und danach in der sogenannten Bananentrilogie fand ich dann nehem kurzweiligen Lesestunden auch mehr Landeskunde, als ich in belletristischen Werken vormals vermutet hätte. Meinen Weg zur schöngeistigen Literatur bin ich mit Asturias einen entscheidenden Schritt vorangekommen; inzwischen habe ich fast alle seine Werke gelesen.
Er steckte den Kopf hinaus -- wer würde Geo Maker Thompson erkennen -- von unten leuchtete ihn feuchtes Glühwürmchenlicht an -- wer würde ihn, verrußt bis zum Kehlkopf, erkennen? Auf der mit Maschinenfett beschmierten Stirn stand der Schweiß wie dicke gläserne Pocken, die großen Knorpel der Ohren brieten in Öl. Der schwache Schein der Lampe, die zu seinen Füßen stand, kletterte durch die Bartstoppeln hinauf, ohne über die Wimpern, die Augen in schwarzen Höhlen, die in Schatten getauchte Stirn und die spitze Nase hinauszugelangen.
Er steckte den Kopf hinaus, und sein Haar war nur Rauch, rötlicher Rauch, Kohlenrauch mit Funken darin, die durch die schwarze, heiße Nacht glühten. Er sah nichts, aber er war mit der Nase draußen, heraus aus dem engen Kesselraum, in dem es nach vermoderten Planken, rostigem, vom Salz zerfressenen Eisen und stickigem Wasserdampf roch. Atmen... Atmen, die Nase in die Lungen des Windes halten, der die Wellen, die schaumgeschwänzten Tiere, tosend antrieb.
Als er sich mit schmerzendem Kreuz aufrichtete, begierig zu atmen, zu sehen, den Kopf hinauszustecken, fiel ihm der Schraubenschlüssel, mit dem er eben nach dem Defekt an der Maschine gesucht hatte, vor die Füße. Von dem Aufprall flackerte die kleine Lampe, die sein Gesicht von unten anleuchtete, ein kaltblütiges Gesicht, das jetzt auch von den tränenbenetzten, überrieselten, gischtübersprühten Steuerbordlichtern beschienen wurde.
Er streckte den Kopf hinaus, einige Sekunden, bevor der kleine Dampfer sich wieder aufrichtete, der, vom Regen gekämmt, Stunde um Stunde gegen den Wind gekämpft hatte, Stunden, die die Uhren der Passagiere nicht anzeigten, denn als die Nacht den zornigen Lack des Karibischen Meeres zu schwärzen begann, war die Zeit stehengeblieben, wartend, daß etwas geschehe, das nur einen Herzschlag lang dauern und das nicht mehr ihr, sondern der Ewigkeit angehören würde, und dieser Stillstand war solcherart gewesen, daß niemand mehr glaubte, das Morgenlicht den Himmel röten zu sehen. Die Helligkeit brach plötzlich, überraschend, wie ein Wunder herein, als der kleine Dampfer die donnernden Wogen an der Landzunge von Manabique hinter sich gelassen hatte -- Schaumberge, in denen sie sich wie im Schweif eines Kometen verloren hatten --, und sich das Halbrund dunstiger Wälder an der schlafenden Küste vor ihm auftat.
Unter der Kruste von Ruß, Schweiß und Öl empfing sein Gesicht -- ein weißes Gesicht mit breiter Stirn, länglichen braunen Augen, dem kupferroten Bart eines jungen Seewolfs, regelmäßigen, etwas kleinen Zähnen im kräftig roten Zahnfleisch -- die reine Kühle des Morgens und der meilenweiten Meeresbucht, begrüßte sie wie das große Los, während die Passagiere, bleich, mitgenommen, die Kleider zernagt von der schrecklichsten Nacht ihres armseligen Lebens, sehnsüchtig in die Ferne starrten, wo sie am Ende der wie mattes Nickel schimmernden Wasserfläche die Palmen und die Gebäude des Hafens errieten, azurblaue Silhouetten vor einem quittegelben Himmel.
(Auszug aus Der grüne Papst, deutsch von Lene Klein)
Meine Romane sind sicher nicht im herkömmlichen europäischen Sinn realistisch, aber es handelt sich bei mir nicht um eine Spielart des Surrealismus, sondern vielmehr um einen {\em magischen Realismus}, der seinen Ursprung in der Geisterwelt der Maya hat, deren Bücher ich eingehend studiert habe. Für die Maya und auch noch für die heutigen Indios gibt es eine Wirklichkeit, die nicht die Wirklichkeit ist. Diese zweite Wirklichkeit existiert als eine Art Wachtraum neben den individuellen Gegebenheiten des Alltags. Der Indio erschafft sich eine innere Welt, die für ihn ebenso wirklich ist, wie die äußere, materielle. Das mag einem Europäer absurd erscheinen, aber für mich ist diese magische Doppelwelt sinnvoll, auch wenn sie ihr Gesetz nicht in der Vernunft erblickt. Im Bewußtsein der Indios wird die Realität schon nach kurzer Zeit zur Legende, und diese Legende gilt ihm in der Folge als Realität. Es liegt etwas Mechanisches in unserer Natur, das diese Verwandlung automatisch vollzieht. Der Indio glaubt zum Beispiel, daß die Wolken riesige Schlangen sind, die sich zusammenknäueln - das ist die Legende -, wenn die Schlangen auseinanderkriechen, fällt der Regen, den diese mit ihren Leibern zurückgehalten haben. Die Legende wird damit zur Begründung des wirklichen Geschehens.
Das Leben in Südamerika ist einer dauernden poetischen Vibration ausgesetzt. Die krassesten Gegensätze gehen miteinander die erstaunlichsten Mischungen ein. Die harte armselige Realität des Lebens der Eingeborenen vermischt sich mit ihren prächtigen Träumen. Ihre Armut steht im grellen Kontrast zum Reichtum der Natur. Das Leben der Indios ist voller Poesie.
(Entnommen dem Klappentext des Romanes Mulata de Tal)
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letzte Änderungen: 6.XI.2004