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Hermann Hesse

Kurzbiographie:

Hermann Hesse, der auch das Pseudonym Emil Sinclair trug, wurde am 2. Juli 1877 in Calv als Sohn eines deutsch-baltischen Missionspredigers und einer schweizerischen Missionarstochter geboren. Er erhielt von seinen Eltern eine pietistische Erziehung, der er jedoch 1892 während eines Jahres am evangelisch-theologischen Seminar Maulbronn abschwor; sein Roman Unterm Rad (1906) reflektiert diese Erfahrung. 1895 begann er eine Buchhändlerlehre in Tübingen, um 1899 in Basel als Buchhändler und Antiquar tätig zu werden. Ab 1904 war Hermann Hesse freier Schriftsteller. Fortan lebte er, von Reisen durch Europa und Fernost (1911) zurückgezogen am Bodensee und später in Montagnola im Tessin. Ab 1923 war Hesse schweizer Staatsbürger.

Hesses Werke sind geprägt von der Romantik, besonders von Goethe und Keller, teilweise sind sie auch stark autobiographisch. Ein weiterer starker Einfluß liegt in der indischen Mystik, die Hesse auf seiner Reise stark beeindruckte. Hesse schreibt eine schlichte, musikalische Sprache, in der impressionistische Bilder anklingen, seine Lyrik ist volksnah. Nebenbei malte und zeichnete Hesse, einige seiner Werke illustrierte er selbst. 1946 erhielt Hermann Hesse den Nobelpreis für Literatur, 1955 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Am 9. August 1962 starb Hermann Hesse in Montagnola.


Werke:

Romantische Lieder (1899), Hermann Lauscher (1901), Peter Camenzind (1904), Anton Schievelbeyn's ohnfreywillige Reisse nacher Ost-Indien (1905), Unterm Rad (1906), Gertrud (1910), Unterwegs (1911), Robert Aghion (1913), Roßhalde (1914), Knulp (1915), Demian (1919), Gedichte des Malers (1920), Klingsors letzter Sommer (1920), Siddharta (1922), Sinclairs Notizbuch (1923), Der Steppenwolf (1927), Ein Stück Tagebuch (1928), Eine Bibliothek der Weltliteratur (1929), Trost der Nacht (1929), Narziß und Goldmund (1930), Weg nach Innen (1931), Die Morgenlandfahrt (1932), Das Glasperlenspiel (1943), Der Europäer (1946), Bericht an die Freunde (1960).


Persönliche Leseerfahrung:

Zu Hermann Hesse kam ich eher als sonst zur Literatur. In den Jahren 1988 und 1989 war ich vierzehn Monate lang mit dem Fahrrad in China und Südostasien unterwegs. Wenn ein Mensch mangels Fremdsprachenkenntnissen kaum in der Lage ist, tiefere Gespräche zu führen, so sucht er zwangsläufig einen Ausgleich. Für mich war das vor allen Dingen das Tagebuch, das ich sehr intensiv führte, aber ich begann auch zu lesen, wenn mir mal etwas in die Hände fiel -- das waren abgesehen von der zufälligen und wohl eher flachen Literatur, die gelegentlich in billigen Traveller-Herbergen liegengeblieben war, hauptsächlich Reiseführer und eine Bibel, die ich in Hongkong geschenkt bekommen hatte.

Auf Sumatera traf ich einen anderen Deutschen, der mit dem Fahrrad unterwegs war, Ebbo, der inzwischen leider verstorben ist. Er erzählte mir von Hesses Asienreise im Jahre 1911, davon, daß der arme Kerl ständig Durchfall hatte, den er mit Rotwein und Opiaten zu bekämpfen versuchte, und von Hesses Schilderungen der fernöstlichen Welt, die trotz aller Veränderungen und Modernisierungen noch heute den Kern der Sache treffen. Ich schrieb meinem Vater davon, und der machte sich auf die Suche nach dem entsprechenden Buch. Durch einen Irrtum bekam ich zunächst "Siddharta" geschickt, später erst die Sammlung der Reiseeindrücke "Aus Indien". So las ich also beinahe zufällig Literatur..., und eigentlich hätte ich schon damals entdecken müssen, welche Leidenschaft da in mir schlummerte.

Dem war nicht so, bis auf wenige Ausnahmen -- 1992 las ich in Pakistan Charles Dickens, in Mexiko B. Traven -- blieb meine Lektüre vor meiner Moskaureise 1993 auf landeskundliche Bücher beschränkt, danach aber entdeckte ich auch Hermann Hesse erneut für mich und las inzwischen fast alles von ihm, dabei mit besonderer Begeisterung "Narziß und Goldmund" und "Das Glasperlenspiel".


Kleine Leseprobe:

Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum schon grün war und selbst die Klosterbäume schon ihr rötliches Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stacheligen Früchte fallen, die nicht in jedem Jahr reif wurden, um welche die Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. Fremd und zärtlich ließ der schöne Baum seine Krone überm Eingang zum Kloster wehen, ein zartgesinnter und leicht fröstelnder Gast aus einer anderen Zone, verwandt in geheimer Verwandtschaft mit den schlanken sandsteinernen Doppelsäulchen des Portals und dem steinernen Schmuckwerk der Fensterbogen, Gesimse und Pfeiler, geliebt von den Welschen und Lateinern, von den Einheimischen als Fremdling begafft.

Unter dem ausländischen Baume waren schon manche Generationen von Klosterschülern vorübergegangen, ihre Schreibtafeln unterm Arm, schwatzend, lachend, spielend, streitend, je nach der Jahreszeit barfuß oder beschuht, eine Blume im Mund, eine Nuß zwischen den Zähnen oder einen Schneeball in der Hand. Immer neue kamen, alle paar Jahre waren es andere Gesichter, die meisten einander ähnlich: blond und kraushaarig. Manche blieben da, wurden Novizen, wurden Mönche, bekamen das Haar geschoren, trugen Kutte und Strick, lasen in Büchern, unterwiesen die Knaben, wurden alt, starben. Andere, wenn ihre Schülerjahre vorbei waren, wurden von ihren Eltern heimgeholt, in Ritterburgen, in Kaufmanns-- und Handwerkerhäuser, liefen in die Welt und trieben ihre Spiele und Gewerbe, kamen etwa einmal zu einem Besuch ins Kloster zurück, Männer geworden, brachten kleine Söhne als Schüler zu den Patres, schauten lächelnd und gedankenvoll eine Weile zum Kastanienbaum empor, verloren sich wieder. In den Zellen und Sälen des Klosters, zwischen den runden schweren Fensterbögen und den strammen Doppelsäulen aus rotem Stein wurde gelebt, gelehrt, studiert, verwaltet, regiert, vielerlei Kunst und Wissenschaft wurde hier getrieben und von einer Generation der andern vererbt, fromme und weltliche, helle und dunkle. Bücher wurden geschrieben und kommentiert, Systeme ersonnen, Schriften der Alten gesammelt, Bilderhandschriften gemalt, des Volkes Glaube gepflegt, des Volkes Glaube belächelt. Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, Einfalt und Verschlagenheit, Weisheit der Evangelien und Weisheit der Griechen, weiße und schwarze Magie, von allem gedieh hier etwas, für alles war Raum; es war Raum für Einsiedelei und Bußübung ebenso wie für Geselligkeit und Wohlleben; an der Person des jeweiligen Abtes und an der jeweils herrschenden Strömung der Zeit lag es, ob das eine oder das andere überwog und vorherrschte. Zuzeiten war das Kloster berühmt und besucht wegen seiner Teufelsbanner und Dämonenkenner, zuzeiten wegen seine ausgezeichneten Musik, zuzeiten wegen eines heiligen Vaters, der Heilungen und Wunder tat, zuzeiten wegen seiner Hechtsuppen und Hirschleberpasteten, ein jedes zu seiner Zeit. Und immer war unter der Schar der Mönche und Schüler, der frommen und der lauen, der fastenden und der feisten, immer war zwischen den vielen, welche da kamen, lebten und starben, dieser und jener Einzelne und Besondere gewesen, einer, den alle liebten oder alle fürchteten, einer, der auserwählt schien, einer, von dem noch lange gesprochen wurde, wenn seine Zeitgenossen vergessen waren.

(Auszug aus Narziß und Goldmund)


Eine kleine Anekdote:

Dies ist eine wahre Geschichte. 1999 betrat ich eine für gewöhnlich recht gut ausgestattete Buchhandlung.
Ich: "Ich hätte gerne von Hermann Hesse Eine Bibliothek der Weltliteratur. Ich bin mir bezüglich des Titels nicht ganz sicher, es könnte auch Die kleine Bibliothek der Weltliteratur oder so ähnlich heißen. Falls Sie es nicht da haben, würde ich es gerne bestellen."
Verkäuferin: "Sind Sie sicher, daß es das gibt?"
Ich: "Ja, ganz sicher, nur den Titel weiß ich nicht ganz genau."
Sie führt mich zum Regal, in dem etwa sieben Bände Hesse stehen.
Verkäuferin (triumphierend): "Da! Sehen Sie! Ich habe Ihnen ja gleich gesagt, daß es das gar nicht gibt!"
Ich mußte sie dann tatsächlich überreden, doch noch in ihren Katalog zu sehen und es schließlich murrend zu bestellen; am nächsten Morgen hielt ich es in der Hand.


Hesse im Internet:

Markus Kolbeck
Buchhandlung Fuchs in Calv
Gesellschaft der Morgenlandfahrer
Projekt Gutenberg
Nobelpreis für Literatur
Suhrkamp Verlag


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letzte Änderungen: 7.III.2004


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