Johann Friedrich Löwen
Kurzbiographie:
Eintrag der Taufe Johann Friedrich Löwens im Geburten- und
Taufregister
der evangelisch-lutherischen Kirche zu Clausthal
Johann Friedrich Löwen wurde am 13. September 1727 in Clausthal als Sohn einer Bergmannsfamilie geboren oder genauer gesagt getauft. Nach dem Besuch des Pädagogiums in Clausthal und des Braunschweiger Collegium Carolinum studierte er Philosophie und Jurisprudenz in Helmstadt und Göttingen, wo er 1749 den Dichter Christian Fürchtegott Gellert (1715 -- 1769) kennenlernte. Noch im gleichen Jahr mußte er das Studium aus Not abbrechen. 1751 ging er nach Hamburg und versuchte sich dort als Lyriker und Theaterkritiker, nachdem er die Idee, nach London zu gehen, um sich dort eine Stellung zu suchen, verworfen hatte. Er gab zunächst Poetische Nebenstunden in Hamburg und dann von 1753 bis 1755 die Hamburgischen Beyträge zu den Werken des Witzes und der Sittenlehre heraus. Seit 1755 verfaßte Löwen auch harmlose Satiren. 1756 erschien bei Grund & Holle in Hamburg sein Gedicht Die Walpurgis-Nacht : ein Gedicht in drey Gesängen, das mit den Worten beginnt:
Mein Lied besingt das Fest, wo die Walpurgis NachtLöwen lernte Johann Friedrich Schönemann kennen, der damals dem Hamburger Theater vorstand, und heiratete schließlich dessen Tochter, die sich als Schauspielerin einen Namen gemacht hatte. Als Schönemann 1757 sein Theater schloß, siedelte er mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn nach Schwerin über, wo Löwen die Stelle eines Privatsekretärs bei dem Prinzen von Mecklenburg-Schwerin erhielt; Schönemann übrigens endete als Säufer und Zechpreller im Gefängnis. In Schwerin schrieb Löwen Romanzen, die günstige Aufnahme fanden. Gemeinsam mit zwölf Kaufleuten, die das Ziel verfolgten, das Theater zu verbessern, gründete Löwen 1766 in Hamburg das Nationaltheater am heutigen Gänsemarkt und wurde dessen Direktor. In seiner Anrede an sämtliche Mitglieder des Hamburger Theaters sagt er, er werde diesen Tag einmal zu den glücklichsten seines Lebens zählen, eine traurige Prophezeiung in Anbetracht des Kommenden. An Enthusiasmus und Ehrgeiz hat es Löwen wohl nie gefehlt, allerdings an der nötigen Kraft und offenbar auch an Ansehen, wurden doch seine Ziele von vielen Zeitgenossen belächelt. So schreibt etwa der Dichter Johann Matthias Dreyer (1717 -- 1769) im Jahre 1767
Den Belzebub berühmt, den Blocksberg ewig macht,
Wohin, um sich ihr Glück durch Wunder zu bereiten,
Die auf dem Besenstiel, und die auf Böcken reiten.
Die hexenreiche Nacht, die man sonst Märchen nennt,
Von der ein jeder spricht, und die doch keiner kennt.
Die Nacht, wo Belzebub Mäcenen ähnlich denket,
Und die, die gut getanzt, bewundert und beschenket.
Da kam ein kritscher Goliath,und parodiert damit nicht nur Löwens Projekt, sondern auch die Sprache und Form seiner Romanzen. In den Jahren 1765 und 1766 erschienen bei Bock in Hamburg Löwens Schriften als Gesamtausgabe in vier Bänden, darin auch die erste Geschichte des deutschen Theaters. Die erste Aufführung des Nationaltheaters fand am 22. April 1767 statt; vor vollem Hause wurde Johann Friedrich Cronegks Olint und Sophronia gespielt. Er gewann Lessing zur Mitarbeit, hauptsächlich allerdings als Kritiker, und dessen Minna von Barnheim wurde am 30. September 1767 auf der Bühne des Nationaltheaters uraufgeführt. Dennoch konnte Löwen sein Theater nicht zu einem gewinnbringenden Unternehmens ausbauen, es gab Meinungsverschiedenheiten und das Interesse des deutschen Publikums an einer solchen Bühne war noch nicht erwacht.
Der Willen mehr als Stärke hat.
Im Dezember ging er mit der gesamten Schauspieltruppe für einige Monate nach Hannover, auf dem Hamburger Nationaltheater wurde erst im Mai 1768 wieder gespielt. Der Untergang war inzwischen nicht mehr aufzuhalten, und so ging Löwen im September 1768, gezwungen durch Armut, als gering besoldeter Justizangestellter nach Rostock; Lessing verließ Hamburg im darauffolgenden Jahr, ebenfalls völlig verarmt. In Rostock starb Löwen am 23. Dezember 1771, von Existenzsorgen und Hypochondrie geplagt, im Alter von nur 44 Jahren. Seine kummervollen Worte an das dankbare Publikum nach dem Scheitern das Nationaltheaters waren diese:
Ihr wißt es längst: vom dankenden Parterr
Kann nicht allein das deutsche Schauspiel leben --
Ihr Deutschen, noch ein Wort: Vergeßt uns Deutsche nicht!
Die Spröde (1748, Schäferlied), Zärtliche Lieder und anakreontische Scherze (1751, anonym), Der Christ bei den Gräbern (1753, anonym), Kurzgefaßte Grundsätze von der Beredsamkeit des Leibes (1755), Die Walpurgis-Nacht (1756, Gedicht), Satyrische Versuche (1760), Romanzen (1762), Geistliche Lieder nebst einigen veränderten Kirchengesängen (1770).
Am bedeutsamsten aber dünkt mich noch heute der Erwerb von Johann Friedrich Löwens Schriften (4 Bände, 1765 - 1766), nicht etwa ihrer äußerlichen Ausstattung halber, obschon diese mit ihren 15 Kupfervignetten nicht übersehen werden darf, sondern ihres Inhalts wegen. Wer kennt heutzutage Johann Friedrich Löwen? Wer weiß, daß er in gewissem Sinne der erste deutsche Balladendichter war, aus dessen Bänkelsängerromanzen die Balladen Gottfried August Bürgers hervorgingen, daß Wendungen Bürgers, wie:
Das Herz ihm ausgerissengar nicht anders als aus der Beeinflussung durch Löwen zu deuten sind? Mein Exemplar stammt aus dem Besitze Philipp Spittas und trägt dessen Autograph; der berühmte Forscher auf dem Gebiete der deutschen Gesangsballade benutzte es für seine Arbeiten. Aber damit noch nicht genug: der vierte Band der Löwenschen Schriften enthält die für die literaturhistorische Forschung unentbehrliche Geschichte des hamburgischen Theaters, die von der Berliner Gesellschaft für Theatergeschichte durch einen Neudruck der Allgemeinheit zugänglich gemacht ist.
Und das Dir nachgeschmissen
(Leopold Hirschberg, Erinnerungen eines Bibliophilen, Berlin-Wilmersdorf 1922)
Zuverlässige Geschichtevon einem in der Hitze der Begeisterung mit einem
Federmesser sich selbst geblendeten Dichter, nebst einem
angehängten wohlmeinenden WarnungsmittelEin Geist, den man schon viele Jahre
Gedruckt bei Käsekrämern fand,
Der bei dem Altar und der Bahre
Im Sold als Tagelöhner stand;Verstieg sich, weil er viel geschmieret,
Zur Epopee, zum Trauerspiel,
Und sang, wie's Dichtern itzt gebühret,
Auch in Hexametern sehr viel.Zwar trafen schreckliche Gerichte
Des strengen Tadels seinen Witz;
Es donnerte auf die Gedichte,
In jede Zeile schlug ein Blitz.Vom Tadel wund, ging es dem Sänger
Wie dem, den die Tarantel sticht;
Der tanzet heftiger und länger,
Der schrieb ein längeres Gedicht.Durch Wunder, Galgen, Schwert, und Räder
Hat er das Mitleid oft erweckt;
Denn in den Fingern und der Feder
Saß ihm Begeistrung und Affekt.Itzt, da die Heldin seiner Bühne
Wie sich's gebührt, affektenvoll,
Mit einer Eumenidenmiene
Die Haare sich ausraufen soll;Itzt, itzt wird sein Affekt auch größer
Der Kiel wird stumpf er nimmt voll Wut
Sein ungeheures Federmesser
Und die Begeisterung will Blut!Der Stahl, geschärft auf blankem Leder,
Fuhr aus der Scheide wild heraus,
Fuhr durch die Nase von der Feder,
Von dort ins Aug, und stieß es aus.Laß dies Exempel viele rühren,
Mein dichterreiches Vaterland!
O habt, kein Auge zu verlieren,
Affekt im Kopf, nicht in der Hand.
Die Wut der FrauenBänkelballade über eine wahre Begebenheit, die
sich im Januar 1759 in Hamburg ereigneteAch! hört mit Furcht und Grauen
ihr guten Männer an,
wozu die Wut der Frauen
euch alle reizen kann.Glaubt nicht, daß ihr auf Erden
stets euren Himmel habt,
wenn euch bei viel Beschwerden
der Kuß der Schönen labt.Quält in dem Weltgetümmel
den Mann des Ehstands Pflicht:
so glaubt, der gute Himmel
schloß seine Ehe nicht.So glaubt, er kaufte teuer
den kurzen Zeitvertreib;
so glaubt, ein Fegefeuer
ward ihm sein liebes Weib.Dann kennt er ohne Zweifel
die Hölle ganz genau:
denn mehr als sieben Teufel
quält eine böse Frau.In Eheprüfungsstunden
hat mancher Hahnrei oft
beim Trost, den er empfunden,
auf Rache mit gehofft.Er dacht an seine Brüder
und an der Ehe Lauf
und setzte manchem wieder
zwölfend'ge Hörner auf.Drum nehmt, geplagte Männer,
Geduld und Tröstung wahr:
zankt eure Frau im Jenner,
zankt ihr im Februar.Hat sie im März von Ränken
das starre Köpfchen voll,
greift im April zu Schwänken
und macht im Mai sie toll.So standhaft wechselt immer;
merkt diesen treuen Rat:
tut nie, was einstens schlimmer
ein armer Ehmann tat.Er, der bei grauen Haaren
ein rasches Mädchen nahm
und nunmehr schnell erfahren,
wie man zu Hörnern kam, -er glaubte, da zur Rache
sein Alter ihn gelähmt,
es sei sein schöner Drache
durch Schmeicheln leicht gezähmt.Allein, wie grimmig flogen
nicht oft dem armen Tropf,
der schrecklich sich betrogen,
die Schlüssel nach dem Kopf.Sie droht, er mußte fliegen
und kommen, wenn sie rief,
und unterm Stuhle kriechen,
saß ihr das Kopfzeug schief.Zehn scharfe Nägel fuhren
ihm öfters durch den Bart
und hinterließen Spuren
von ihrer Gegenwart.Einst, schrecklich ist's zu sagen!
wollt er das erstemal
zu widersprechen wagen,
da seh er seine Qual.Mir, rief sie, mir zu wehren!
und ich, ich schweige still?
Dein Wunder sollst du hören,
ein Wort ist gnug: ich will"Schon flammten ihre Blicke;
ein Wörtchen sprach er nur,
als schnell in die Perücke
Glas und Pantoffel fuhr.Er schwieg und lief verzaget
fünf Treppen unters Dach;
da hat er viel geklaget -
du Muse, klag ihm nach.Ach! ist ein Mann auf Erden
wohl so geplagt als du?
Erst muß ich Hahnrei werden,
dann Prügel noch dazu?"Er dachte drauf mit Schmerzen
an alle seine Not
und fühlte Wut im Herzen
und knirscht und rief den Tod.Der Tod, der ungebeten
oft kömmt mit Ungestüm,
kroch doch in diesen Nöten
nicht unters Dach zu ihm.Und weil er nicht gekommen,
so hat er wehmutsvoll
gar den Entschluß genommen,
den keiner nehmen soll."Der, welcher sich erhenket,
schloß er, fühlt kurze Pein.
Mein Weib, wenn man's bedenket,
wird stets mein Henker sein.Was acht ich denn der Qualen
von einem Augenblick?
da schon zu tausend Malen -
komm her, geliebter Strick!"Es war der letzte Jenner,
als sich der Geck erhing
und für geplagte Männer
die Märterkron empfing.
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letzte Änderungen: 12.II.2005