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Javier Marías
Kurzbiographie:
Javier Marías Franco wurde am 20. September 1951 in Madrid als vierter von fünf Brüdern geboren; der älteste Bruder war allerdings bereits zwei Jahre zuvor gestorben. Javiers Vater Julián Marías Aguilera ist bekannter Philosoph. Im Alter von siebzehn Jahren "floh" Javier Marías zu seinem Onkel Jesús nach Paris, um dort innerhalb von sechs Wochen seinen ersten Roman zu schreiben. In Madrid legte Javier Marías das Staatsexamen in Philosophie und Literatur ab. Von 1975 bis 1978 lebte er in Barcelona. Er dozierte an Universitäten in Madrid (Universidad Complutense), Oxford und den Vereinigten Staaten (Wellesley College, Massachusetts). Marías schreibt Romane und Erzählungen, aber auch Artikel und Übersetzungen ins Spanische, unter letzteren zum Beispiel Laurence Sternes "Tristram Shandy" - das Buch, von dem J.M. sagte, es sei das einzige, daß noch einmal zu schreiben, er nicht mehr in der Lage sei -, Thomas Hardys "Der welke Arm (Withered Arm)", Joseph Conrads "Der Meeresspiegel (Mirror of the Sea)", Isak Dinesens "Ehrengard", sowie ausgesuchte Werke von Sir Thomas Browne, Robert Louis Stevenson, William Faulkner, Vladimir Nabokow und William Butler Yeats.
"Mein Herz so weiß" avancierte zum Welterfolg. Javier Marías erhielt für seine Werke zahlreiche internationale Auszeichnungen, zum Beispiel den Nelly-Sachs-Preis, den Fastenrath-Preis, den Premio Rómulo Gallegos 1995, den Prix Femina Étranger 1996 und den International IMPAC Dublin Literary Award 1997, die höchste Auszeichnung, die ein Autor für ein einzelnes Buch bekommen kann. Eduardo Mendoza bezeichnete Marías als den besten spanischen Schriftsteller unserer Zeit.
Eine ausführliche Biographie haben Reyes de Miguel und Inés Blanca verfaßt.
Aus Marías' Feder stammen die Romane:
Niemand sollte jemals irgendetwas erzählen, noch Informationen geben, noch Geschichten vorbringen, noch dafür sorgen, daß die Menschen sich an Wesen erinnern, die niemals existiert, nicht einmal die Erde betreten oder die Welt durchquert haben, oder die sehr wohl hindurchgegangen sind, aber bereits halbwegs gerettet waren in der einäugigen und unsicheren Vergessenheit. Zu erzählen ist beinahe immer ein Geschenk, sogar dann, wenn die Erzählung ein Gift mit sich führt und dieses injiziert, es ist auch ein Band und ein Entgegenbringen von Vertrauen, und selten ist das Vertrauen, das früher oder später nicht verraten wird, selten das Band, das sich nicht verstrickt oder verknotet, und so endet es erdrückend, und es hilft nur, Messer oder Schneide zu zücken, um es zu durchtrennen. Wie viele der meinen sind noch unversehrt, wie viele dieser zahlreichen Vertrauen, proklamiert von einem, der so sehr seinem Instinkt vertraute und nicht immer auf diesen hörte und viel zu lange arglos war? (Weniger bereits, weniger bereits, aber diese Abnahme geht sehr langsam vor sich.) Unversehrt sind noch jene, die ich zwei Freunden entgegenbrachte, die sie noch immer bewahren, im Gegensatz zu denen, die ich in andere zehn setzte, die sie verloren oder zerstörten; das karge, das ich meinem Vater gab, und das schamhafte, das ich meiner Mutter gab, einander sehr ähnlich, wenn es nicht gar dasselbe war, das ihrige dauerte darüber hinaus nicht lange an, sie kann es schon nicht mehr hintergehen oder höchstens posthum, falls ich eines Tages irgendeine böse Entdeckung machen sollte und damit etwas Verborgenes nicht weiter verborgen bliebe; das meiner Schwester dauert nicht fort, noch das irgendeiner Freundin, noch das irgendeiner Geliebten, noch das irgendeiner verflossenen, gegenwärtigen oder eingebildeten Ehefrau (die Schwester pflegt die erste Ehefrau zu sein, die Kinderehefrau), es scheint unumgänglich zu sein, daß diese Art von Beziehungen damit enden, daß das, was jeder vom anderen weiß oder gesehen hat, gegen den Geliebten oder Gatten -- oder gegen den, der letztendlich doch nur zeitweilig Wärme und Fleisch war -- verwendet wird, gegen den, der Enthüllungen gemacht und der einen Zeugen seiner Schwächen und Kümmernisse zugelassen hat und der sich zu Vertraulichkeiten hergab oder der sich einfach nur geistesabwesend auf dem Kopfkissen mit lauter Stimme erinnerte, ohne der Risiken zu gedenken, noch des eigenwilligen Auges, das uns stets beobachtet, noch des selektiven und verzerrenden Gehörs, das uns lauscht (oft ist es nichts Bedeutendes, lediglich eine häusliche, verteidigende und einschüchternde Verwendung, um sich, wenn langwierige Diskussionen geführt werden, in einem Moment dialektischer Not mit Gründen zu beladen, eine argumentative Anwendung).
Verletzung des Vertrauens ist auch immer dies: nicht nur indiskret zu sein und dadurch Verletzungen oder Verderben zu verschulden, nicht nur auf diese unstatthafte Waffe zurückzugreifen, wenn der Wind sich dreht und Kurs genommen wird auf den, der erzählt hat und sehen ließ -- jenen, der es jetzt bereut und der jetzt widerspricht und verwirrt und trübt, und der gerne auslöschte und verstummt --, sondern einen Vorteil aus dem Wissen zu ziehen, das der andere aus Schwäche oder Unvorsichtigkeit oder Großzügigkeit preisgegeben hat, ohne den Weg zu respektieren oder zu berücksichtigen, auf dem wir dahingekommen sind, zu wissen, was jetzt als Argument mißbraucht oder verdreht wird -- oder es reicht schon, es ausgesprochen zu haben, damit es entstellt werde, sobald die Luft danach greift --: wenn es die Geständnisse einer verliebten Nacht oder eines verzweifelten Tages waren, eines schuldbeladenen Abends oder eines trostlosen Erwachens, oder die berauschte Geschwätzigkeit der Schlaflosigkeit: eine Nacht oder ein Tag, als der, der redete, so redete, als gäbe es keine Zukunft über diese Nacht oder diesen Tag hinaus und als wäre seine Zunge losgelöst, um mit ihnen zu sterben, außer acht lassend, daß es immer noch etwas gibt, was danach kommt, immer bleibt noch etwas, ein bißchen mehr, eine Minute, die Lanze, eine Sekunde, das Fieber, und noch eine Sekunde, der Traum -- die Lanze, das Fieber, mein Schmerz und das Wort, der Traum --, und auch die endlose Zeit, die in ihrem Schritt nicht einmal nach unserem Verenden schwankt noch zögert, und die fortfährt, hinzuzufügen und zu reden, zu raunen und zu ergründen und zu erzählen, obwohl wir bereits nicht mehr hören und verstummt sind. Verstummen, Verstummen ist das große Bestreben, das niemand erfüllt, nicht einmal nach dem Tode, und ich am allerwenigsten, der ich häufig erzählt habe und darüber hinaus schriftlich in Berichten, und noch immer betrachte und lausche ich, obwohl ich dafür nun beinahe nie mehr etwas frage. Nein, ich sollte nichts erzählen und nichts hören, denn es liegt nicht in meiner Hand, ob es nicht wiederholt und verunstaltet wird gegen mich, um mich zu verderben, oder sogar noch schlimmer, ob es nicht wiederholt und verunstaltet wird gegen jene, die ich sehr liebe, um sie zu verdammen.
(Auszug aus Dein Gesicht morgen / I: Fieber und Lanze, deutsch von Torsten Nieland)
Spanische sehr ausführliche Seite von Montse Vega
Julián Marías, im Internet:
letzte Änderungen: 3.II.2012
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