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Juan José Millás

Kurzbiographie:

Juan José Millás wurde 1946 in Valencia geboren und lebt seit seiner Kindheit in Madrid, wo er Lehrer an der Schule des Schreibens ist. Er hat an Zeitschriften und Zeitungen mitgearbeitet. Der Autor ist mit einer Psychoanalytikerin verheiratet. Millás hat einmal in einem Interview gesagt, er versuche, mit seinem Schreiben ein Gegenstück zu dem zu schaffen, was in der Malerei Hyperrealismus genannt wird.

Juan José Millás erhielt für seine Werke den Premio Sésamo 1974 und den Premio Nadal 1990.


Werke:

Aus Millás' Feder stammen die Romane "Cerberus sind die Schatten" (1974), "Vision eines Ertrunkenen" (1977), "Der leere Garten" (1981), "Feuchtes Papier" (1983), "Dein verwirrender Name" (1988, deutsch 1990), "Das war die Einsamkeit" (1990, deutsch 1991), "Heimkehren" (1990), "Tote Schrift" (1992), "Sie erdichtet" (1994), "Verrückt, tot, unehelich und unsichtbar" (1995), "Etwas, das Dich betrifft" (1995), "Die unzuständige Witwe" (1998) und "Das Alphabet" (1998).


Kleine Leseprobe:

Als ich den Auftrag erteilte, daß mir ein falscher Schnurrbart aus natürlichem Haar gemacht werde, so wie der meines Vaters, glaubte ich, daß es sich um nichts weiter als um eine Art ironischer Verehrung seines Andenkens handele und darum, nebenbei dem Friseur oder mir selbst zu beweisen, daß ich mir überflüssige Ausgaben und Schrullen leisten könne, aber als ich ihn schließlich in der Hand hielt, erschien es mir, als nähme ich in ihm einen orthopädischen Trieb wahr, der mir ein gewisses Unwohlsein bereitete, so daß ich mich des Etuis entledigte, das ein lästiges Format hatte, und die Nachahmung in einem kleinen Tresor versteckte, der sich in den Tiefen des Kleiderschranks meines Schlafzimmers verbarg. Der Tresor war ebenfalls das Ergebnis einer überflüssigen Schrulle gewesen, vermutlich konnte Laura aus diesem Grund nichts damit anfangen, sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Kombination zu erlernen. Das Kind hingegen wußte gar nichts von seiner Existenz. Es handelte sich daher um eine perfekte Nische, um jene Protese einzugraben, die, an irgendeinem anderen Ort liegengelassen, mit einem toten Tier verwechselt werden konnte, oder vielleicht mit dem Embryo irgend eines Wesens.

Das war in den ersten Monaten des vergangenen Winters geschehen, kurz bevor meine Eltern in einem Feuer starben, das ich nicht gelegt hatte, und seitdem, obwohl ich den Schnurrbart nicht wieder betrachtet hatte, hatte ich mich von ihm bei den Gelegenheiten streicheln lassen, wenn ich die Hand in den Tresor stecken mußte, um irgendein Schriftstück zu suchen. Seine Berührung versetzte mir stets einen Schrecken, aber nach dem ersten Schauder stellte sich immer ein unbeschreiblicher Frieden ein, diese Art von Frieden, die ich an jenem Sonntag Ende März in den Argumenten zu finden suchte, die, mit dem Getöse eines Zuges in einem Tunnel, durch die dunklen Gänge meiner Angst kreisten.

Am vorhergehenden Freitag hatte der Personaldirektor mir mitgeteilt, daß sie auf mich verzichten müßten, im Tausch gegen eine Abfindung in Höhe eines Jahresgehaltes und eine ansteckende Gebärde der Einsamkeit. Ich konnte mich an die Arbeitslosenunterstützung halten und im schlimmsten aller Fälle zwei Jahre durchhalten. Darüber hinaus arbeitete Laura ebenfalls, als Gerichtsärztin, so daß die Aussicht auf Armut noch ein bißchen entfernt blieb. Es handelte sich also, objektiv gesprochen, nicht um eine hoffnungslose Situation, aber ich war seither subjektiv in eine Hoffnungslosigkeit versunken, die ich während des Wochenendes vor den Blicken meiner Frau und meines Sohnes zu verbergen versuchte. Schließlich hatte am Sonntagnachmittag die Angstdrüse begonnen, eine neue Substanz freizusetzen, was sofort auf meine Atemfähigkeit wirkte; es schien, als habe sich die Luft verdichtet oder als enthielte sie Klumpen. Darauf floh ich ins neben dem Schlafzimmer gelegene Bad und ließ all die Feigheit, die sich aufgestaut hatte, seit eine sozialdemokratische Mannschaft mit der Aufgabe in die Firma eingetreten war, sie stückchenweise zu verkaufen, sich schlagartig mit der Wahrnehmung des Raumes zusammenballen: ich betrachtete die Wände und den Spiegel und die hinter dem gläsernen Wandschirm verborgene Badewanne und das Waschbecken und das Bidet, und sie waren nichts anderes als die Wände und der Spiegel oder das Bidet und das Waschbecken, das ein Feigling in einer Situation wie meiner gesehen hätte.

Ich schloß die Augen, um nichts zu sehen, aber auch die Dunkelheit brachte mir wieder die Unruhe, die einem die Dinge vermitteln, wenn einer sich von der Angst her mit ihnen verbindet. Während der folgenden Minuten drehte ich mehrere Male die Wasserhähne auf und zu, um ein Erlebnis von Aktivität zu vermitteln, darauf vertrauend, daß die Beklemmung sich bei Erreichen endloser Größe in Wohlgefallen auflöse. Dann erinnerte ich mich an den Schnurrbart.

Mit verschwiegenen Bewegungen verließ ich das Bad und schlich mich zum Schlafzimmer, wobei ich die Luft stoßweise atmete, sie hatte noch immer nicht aufgehört, sich zu verdichten. Aber dann, als sich der Tresor wie ein Mund öffnete und ich die Nachahmung wiedererlangte, begann die Erregung sich abzuschwächen oder sich an den Rand meiner Organe zurückzuziehen. Auf jeden Fall war das Zentrum der Brust, die Zone mit der allergrößten Leidensfähigkeit, mit einem Schlag wieder freigeräumt und erschien wie ein leeres Zimmer, durch das die Luft, nun wieder in ihrem gasförmigen Zustand, ohne ihre vorhergehenden Schwierigkeiten zu zirkulieren begann.

Nachdem ich mich erneut im Bad eingeschlossen hatte, riß ich die Plastikfolie ab, die die selbstklebende Rückseite schützte, und ich klebte ihn mir vor dem Spiegel an. Es handelte sich um einen breiten Schnurrbart, sehr schwarz, dessen Haare nach unten fielen und meine Lippen bedeckten. Als ich fertig war, ihn mir anzulegen, ging meine Brust vom Zustand des leeren Zimmers in den eines funktionslosen bloßen Loches über: in anderen Worten, meine Brust war unwirklich und dieses offene Loch der Unwirklichkeit in der Mitte des Körpers machte auch den Schmerz unwirklich, der darin gehaust hatte.

(Auszug aus Verrückt, tot, unehelich und unsichtbar, deutsch von Torsten Nieland)


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letzte Änderungen: 6.III.2004


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