Cees Nooteboom
Kurzbiographie:
Cees Nooteboom wurde am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren. Im Alter von 17 Jahren ging er als Journalist nach Paris. Zunächst Autor mehrerer Gedichtbände, in denen konventionelle Gemütslyrik allmählich von einer hermetischen Behandlung existentieller Fragen abgelöst wird, wurde Nooteboom in den achtziger Jahren vor allem durch seine Romane weltweit bekannt, in denen er mit großer sprachlich-erzählerischer Suggestivität das Chaos der Existenz in Ritualen und Ordnungen, Reisen und Begegnungen zwischen Zeit und Raum metamorphotisch aufzufangen versucht. Er schreibt auch ebenso sensible wie gelehrte Reiseberichte, die dem passionierten (und manchmal eifersüchtigen) Weltenbummler bei der Lektüre oft so einfacher und doch so treffender kurzer Sätze immer wieder einen Gedanken in den Kopf einschlagen lassen: Ganz genau so ist es! Seine Romane sind ohne seine Reisen nicht denkbar, besondere Intensität liegt bei all seinem literarischen Schaffen in Landschaften, Architektur und Malerei. Heute lebt Cees Nooteboom vor allem in Amsterdam und auf Menorca.
"Das Paradies ist nebenan" (Roman, 1955, heute unter dem Titel "Philip und die anderen"), "De doden zoeken een huis" (Gedichte, 1956), "Der Ritter ist gestorben" (Roman, 1963), "Paris, Mai 1968" (Reportagen), "Gemachte Gedichte" (1970), "Rituale" (Roman, 1980), "Ein Lied von Schein und Sein" (Novelle, 1981), "Voorbije passages" (Reisebericht, 1981), "Mokusei!" (Erzählung, 1982), "In den niederländischen Bergen" (Roman, 1984), "Der Buddha hinter dem Bretterzaun" (Reiseerzählung, 1985), "Das Gesicht des Auges" (Gedichte, 1989), "Berliner Notizen" (1990), "Die folgende Geschichte" (Novelle, 1991), "Der Umweg nach Santiago" (Reiseerzählung, 1992), "Wie wird man Europäer?" (Essay, 1993), "Im Frühling der Tau" (Reiseerzählungen, 1995), "Die Dame mit dem Einhorn" (Reiseerzählungen), "Selbstbildnis eines anderen", "Rückkehr nach Berlin", "Allerseelen" (Roman, 1999), "Nie gebaute Niederlande" (Geschichte der niederländischen Architektur), "Kinderspiele", "Nootebooms Hotel" (Reiseerzählungen, 2000), "Die Insel, das Land" (Geschichten aus Spanien, 2002).
Auf den Namen Nooteboom stieß ich das erste Mal 1993 in Moskau, wo auch andere Schriftsteller in mein Leben traten, und zwar auf sehr indirekte Weise. Irgendjemand, der frisch aus Deutschland angekommen war, hatte eine "Spiegel" mitgebracht, jene Zeitschrift, deren berichterstatterische Qualität ich für gnadenlos überschätzt halte. Damals brachte ich täglich ein bis zwei Stunden mit dem Versuch zu, eine der beiden englischsprachigen Zeitungen Moskaus aufzutreiben, die zwar gratis waren, dafür aber eines sicheren Bezugspunktes gänzlich entbehrten - als ich damals aus Moskau nach Deutschland zurückkehrte, trug ich einen roten Plastikkoffer mit mir, der mit diesen schwierig ergatterten Zeitungen gefüllt war und den ich noch immer als ein Kleinod verwahre. In dieser sehr bewegten Zeit (Rutskoy besetzte das Weiße Haus, Jelzin ließ mit Panzern darauf schießen, es herrschte Ausgangssperre) war jedes Nachrichtenmagazin willkommen, und so stolperte ich über ein Zwigespräch zwischen den niederländischen Schriftstellern Cees Nooteboom und Harry Mulisch, und das just in der Zeit, als mein Interesse für Literatur zu erwachen begann.
Von diesem Artikel habe ich nicht viel behalten, nicht mehr eigentlich als die Namen der beiden Autoren, die mir trotz damals noch so jungen Interesses so interessant erschienen, daß ich dachte, ich sollte einmal etwas von ihnen lesen. Sechs Jahre später erinnerte ich mich immer noch dieser Namen, ohne noch im geringsten zu wissen, was mich an jenem Artikel damals begeistert hatte. So las ich 1999 "Das Paradies ist nebenan", Nootebooms Erstlingswerk, das lange Zeit nicht im Handel erhältlich war, weil der Autor sich damit nicht mehr identifizieren wollte. Im Nachwort meiner Ausgabe aus den neunziger Jahren beschreibt er sich selbst als einen jungen Mann, mit dem er den Vor- und Nachnamen teile und dem er nicht mehr ähnele. In diesem Buch, das mich sehr begeisterte und damit eben auf Grund des Nachworts ein wenig Furcht sähte vor weiterer Nooteboom-Lektüre, steckt noch immer das Pappkärtchen mit einem Zahnarzttermin am 10. Juni 1999 um 10 Uhr 30, das mir damals als Lesezeichen diente.
Die Furcht vor weiterer Lektüre war unbegründet, alles was ich fortan von Nooteboom las gefiel mir ausgesprochen gut, sowohl seine Romane und Erzählungen als auch und vor allen Dingen seine ganz besonderen Reisebeschreibungen. Ich kann wohl sagen, daß ich die Entdeckung dieses Schriftstellers einem Zufall verdanke, ich glaube sogar, daß er mir ohne diesen Zufall bis heute gar nicht in die Hände gefallen wäre - es handelt sich hier mit Sicherheit um einen der schönen und wertvollen Zufälle meines Leselebens.
Mein Onkel Antonin Alexander war ein merkwürdiger Mann. Als ich ihn zum erstenmal sah, zählte ich zehn Jahre und er etwa siebzig. Er wohnte in Gooiland in einem häßlichen, schrecklich großen, mit den seltsamsten, überflüssigsten und abscheulichsten Möbeln vollgestopften Haus. Ich war damals noch sehr klein, und ich reichte nicht bis zur Glocke. An die Tür zu klopfen oder mit dem Briefkasten zu klappern, wie ich es anderswo immer tat, wagte ich hier nicht. Ratlos lief ich schließlich einfach um das Haus herum. Dort saß mein Onkel Alexander in einem wackeligen, mit verschossenem violettem Plüsch überzogenen und mit drei gelblichen Schutzdecken belegten Lehnstuhl. Und er war wirklich der merkwürdigste Mann, den ich je gesehen habe. An jeder Hand trug er zwei Ringe; und erst später, als ich nach sechs Jahren zum zweitenmal kam, um bei ihm zu bleiben, erkannte ich, daß ihr Gold Kupfer war und die roten und grünen Steine -- »Ich habe einen Onkel, der trägt Rubine und Smaragde« -- gefärbtes Glas.
»Bist Du Philipp?« fragte er.
»Ja, Onkel«, sagte ich zu der Gestalt in dem Stuhl. Ich sah bloß die Hände. Der Kopf war im Schatten.
»Hast Du mir etwas mitgebracht?« fragte die Stimme weiter. Ich hatte nichts mitgebracht, und ich antwortete: »Ich glaube nicht, Onkel.«
»Du mußt doch etwas mitbringen.«
Ich denke nicht, daß ich das damals töricht fand. Wenn jemand kam, mußte er eigentlich etwas mitbringen. Ich stellte mein Köfferchen hin und ging zurück, der Straße nach. Im Garten neben dem meines Onkels Alexander hatte ich Azaleen gesehen, und ich schlich mich vorsichtig durch die Gittertür und schnitt mit dem Taschenmesser ein paar Blüten ab.
(Auszug aus Das Paradies ist nebenan, deutsch von Josef Tichy)
Bei weiten Reisen gibt es unweigerlich stets eine zweite Ankunft: die, wenn man wirklich angekommen ist. Die erste, eigentliche Ankunft zählt dann bereits nicht mehr -- sie gehört noch zu demjenigen, der man jetzt nicht mehr sein will, den man in jenem anderen Erdteil zurücklassen wollte, der im Flugzeug, im Taxi zum Hotel jedoch an einem hängenblieb, der lästigerweise nicht von einem weichen sollte, während man unterwegs zu jenem erträumten Augenblick war, da der Reisende eins wird mit dem Bild seiner Sehnsucht, dessentwegen er sich auf die Reise begeben hat. Welches dies sein wird, läßt sich im voraus nie genau sagen, doch wenn es soweit ist, erkennt man es zweifelsfrei: Dies ist es.
Dies ist es. Der Fluß, das Mädchen, der Fischer, die Brücke; die japanischen Hügel am anderen Ufer. Damit beginnt es bereits: Weshalb sollte man japanische Hügel japanische Hügel nennen? Ist das nicht Fiktion? Vielleicht, doch ich erkenne sie von Darstellungen auf kakemonos und Wandschirmen wieder, sie haben oft etwas Plötzliches an sich, als wären sie eben erst, bevor man sie sah, entstanden, eigenartige, hohe Aufwölbungen in einer ebenen Landschaft und bewachsen mit verschiedensten Bäumen in hundert Grün-- und Rottönen. Solche Hügel gibt es nirgendwo sonst. Das Mädchen in seiner Schuluniform sitzt am Ufer und liest, ich wüßte gern, was. Es ist so in sein Buch vertieft, daß man meinen könnte, es sei in der Landschaft festgewachsen, genauso wie auch der Fischer bereits hundert Jahre im Wasser steht, eine Silhouette im schnell fließenden Fluß. Fluß, Mädchen, Fischer, Hügel, Fluß, am anderen Ufer ein Feuer und Männer in Weiß, die etwas tun, was ich nicht erkennen kann.
Es war mein erster Tag in Kioto. Etwas hatte mich davon abgehalten, mich gleich in die übermächtige Stadt zu stürzen, die ich von früher her kannte. Erst wollte ich hinaus. Die spärliche Landschaft, die vom Superexpreß aus zu sehen war, hatte mir nicht genügt. Ich hatte von einem Fluß gelesen, von Tempeln, die westlich der Stadt, in einer Gegend, in der ich noch nie gewesen war, irgendwo in den Hügeln liegen mußten, von einem Wasserfall und von einer Brücke, die Togetsu hieß und die alle Großem gezeichnet hatten. Ohne die Brücke vor mir zu haben, hatte ich diese Zeichnungen vor meinem geistigen Auge gesehen, und jetzt war ich da und stand am Wasser des Oi und blickte auf die Hügelkette mit den Kiefern, Ahorn-- und Kirschbäumen, die einst, im 13. Jahrhundert, von Kaiser Kameyama nach Arashiyama verpflanzt worden sein sollen. Arashiyama, dieses Wort hatte mir gefallen (Reisende glauben an den Zufall), ich hatte es nachgesprochen und den Bus gefunden, der vom Keihan--Sanjo--Bahnhof aus dorthin fuhr, eine ziellos scheinende, endlose Fahrt mit Schulkindern, die hinein-- und wieder hinausfluteten und auf ihren Rüttelsitzen mit dem angespannten Gesicht von Managern einschliefen, die einen harten, arbeitsreichen Tag hinter sich haben.
(Auszug aus IIm Frühling der Tau, deutsch von Helga van Beuningen)
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letzte Änderungen: 7.IV.2004