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Marcel Proust
Kurzbiographie:
Marcel Proust wurde am 10. Juli 1871 in Paris als Sohn eines angesehenen und wohlhabenden Arztes geboren. Er war von Jugend an kränklich, vor allen Dingen von Asthma geplagt, und übersensibel und wuchs daher verwöhnt und behütet auf. Durch seine Krankheit mußte Proust seine Schul-- und Studienzeit oft unterbrechen. Nach dem Militärdienst trat er in die École des Sciences Politiques ein, war dann kurz in einer Anwaltskanzlei tätig und wandte sich schließlich ganz der Literatur zu.
In dieser Zeit ist Proust zunächst Gast in den vornehmsten Pariser Salons und stadtbekannter Snop. 1892 gründete er die Zeitschrift Le Banquet. Nach dem Tode seiner Eltern (1903 und 1905) zog er sich allerdings gänzlich aus der Öffentlichkeit und feinen Gesellschaft zurück. Fortan lebte er in einem durch korkverkleidete Wände schallisolierten und verdunkelten Kranken-- und Arbeitszimmer, wo er sein großes Romanwerk, Die Suche nach der verlorenen Zeit, auf den Erinnerungen an seine Lebenseindrücke aufbaute. Thema seines Schreibens ist die Zeit als erfüllte Gegenwart, ihr Verlust durch Verlust der Erinnerung und ihr Wiedergewinn durch erneutes Erinnern und Leben in der Erinnerung. Das Werk ist ein monumentales Bild der Pariser Gesellschaft des Fin de Siecle, in dem er mit minutiöser Genauigkeit und Eindringlichkeit alle Bereiche menschlichen Empfindens und Fühlens so schildert, daß sie über Prousts Gesellschaft und Zeit weit hinaus Allgemeingültigkeit erlangen. Er schuf mit seinem Romanzyklus eines der für die Entwicklung des modernen Romans wichtigsten Werke, wofür er 1919 den Prix Goncourt erhielt. Am 18. November 1922 starb Proust in Paris nach Abschluß seines großen Werkes, dessen vollständige Veröffentlichung erst fünf Jahre nach seinem Tode vorlag.
Freuden und Tage (1896), Der Gleichgültige, Jean Santeuil (1896 -- 1904), Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Romanzyklus, 1913 -- 1927): I. In Swanns Welt (1913), II. Im Schatten junger Mädchenblüte (1918), III. Die Welt der Guermantes (1921), IV. Sodom und Gomorrha (1921), V. Die Gefangene (1923), VI. Die Entflohene (1925), VII. Die wiedergefundene Zeit (1927).
Auf Proust, dessen Namen ich vorher bereits hier und da aufgeschnappt hatte, wurde ich durch einen Artikel im Zeit--Magazin neugierig. Ich erstand den ersten Band der Recherche und ließ ihn zunächst eine Weile unangetastet herumliegen. Als ich dann in einem recht zufälligen Moment danach griff, hatte ich meinen Zeitpunkt für Proust offenbar genau getroffen; ich tauchte in Swanns Welt ein und setzte bis zur letzten Seite nur ab, um zu essen, Tee zu kochen oder zu schlafen. Mit Mühe widerstand ich der Lust, die anderen sechs Bände sofort hinterherzuschlingen.
Ich habe Glück gehabt, den meisten Proust--Lesern ergeht es anders; sie legen die Recherche auf Seite 50 wieder aus der Hand und fragen sich, wann der kleine Marcel denn nun endlich einschläft. Mancher findet dann nie in diese Welt hinein, läßt sie als fade Limonade in der Ecke liegen, mancher entdeckt den Zauber dieser Welt erst nach Jahren und mehreren Versuchen; aber wohl kaum einer, der sich einmal für Proust begeistert hat, wird diese Begeisterung wieder ablegen und Prousts Phaszination aus dem Weg gehen können. Eine Freundin, die an Proust zunächst gescheitert war und meine Begeisterung nicht verstehen konnte, bezeichnete Swanns Welt dann, als das Eis gebrochen war, als ein Buch wie Urlaub. Sehr treffend finde ich diese Bezeichnung, denn in diesem Werk -- und damit in den Erinnerungen seines Schöpfers -- läßt es sich nicht nur eine Weile leben, sondern tatsächlich Urlaub machen und den Alltag vergessen.
Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen. Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, daß ich keine Zeit mehr hatte zu denken: »Jetzt schlafe ich ein.« Und eine halbe Stunde später wachte ich über dem Gedanken auf, daß es nun Zeit sei, den Schlaf zu suchen; ich wollte das Buch fortlegen, das ich noch in den Händen zu haben glaubte, und mein Licht ausblasen; im Schlafe hatte ich unaufhörlich über das Gelesene weiter nachgedacht, aber meine Überlegungen waren seltsame Wege gegangen; es kam mir so vor, als sei ich selbst, wovon das Buch handelte: eine Kirche, ein Quartett, die Rivalität zwischen Franz dem Ersten und Karl dem Fünften. Diese Vorstellung hielt zuweilen noch ein paar Sekunden nach meinem Erwachen an; meine Vernunft nahm kaum Anstoß an ihr, aber sie lag wie Schuppen auf meinen Augen und hinderte mich daran, Klarheit darrüber zu gewinnen, daß das Licht nicht brannte. Dann wurde sie immer weniger greifbar, wie nach der Seelenwanderung die Gedanken einer früheren Existenz; der Gegenstand meiner Lektüre löste sich von mir ab, ich konnte mich damit beschäftigen oder nicht; gleichzeitig kehrte mein Sehvermögen zurück, und ich war erstaunt, rings um mich her eine Finsternis wahrzunehmen, die für meine Augen sanft und ausruhend war, mehr aber vielleicht sogar noch für meinen Geist, dem sie grundlos, unbegreiflich, wahrhaft »dunkel« erschien. Ich fragte mich, wie spät es wohl sei; ich hörte das Pfeifen der Eisenbahnzüge, das -- mehr oder weniger weit fort wie ein Vogellied im Wald -- die Entfernungen markierte und mich die Weite der öden Landschaft erraten ließ, durch die sich der Reisende zur nächsten Station begibt; der kurze Weg, dem er folgt, wird in sein Gedächtnis eingegraben bleiben durch die erregende Neuheit der Stätten, die ungewohnten Dinge, die er tut, ein Gespräch, das er eben geführt hat, oder den Abschied unter einer fremden Lampe, der ihm noch nachgeht in der Stille der Nacht, die nahe Süße der Heimkehr.
Zärtlich drückte ich meine Wange an die schönen Wangen des Kopfkissens, die in ihrer Fülle und Kühle wie die Wangen unserer Kindheit sind. Ich strich ein Zündholz an und schaute auf die Uhr. Bald Mitternacht. Dies ist der Augenblick, da der Kranke, der verreisen mußte, der in einem unbekannten Hotel die Nacht verbringt und dort von einem Anfall aufgeweckt wird, sich freut, wenn er unter der Tür einen Lichtstreifen entdeckt. Gottlob, der Morgen ist da! Gleich wird das Personal aufgestanden sein, er kann schellen, es wird jemand kommen und ihm Hilfe bringen. Die Hoffnung auf Erleichterung gibt ihm Mut zu leiden. Schon glaubt er Schritte zu hören: die Schritte kommen näher, dann entfernen sie sich. Und der Streifen Tageslicht unter der Tür ist verschwunden. Es ist Mitternacht; das Gaslicht ist ausgelöscht worden; der letzte Hausbediente ist fort, und er wird nun die ganze Nacht unerlöst leiden müssen.
Ich schlief wieder ein und wachte dann manchmal nur noch sekundenlang auf, gerade lang genug, um ein Knacken im Gebälk zu hören oder den Blick dem Kaleidoskop der Dunkelheit zu öffnen und dank eines kurzen bewußten Augenblicks wohlig den Schlaf zu genießen, in dem die Möbel, das Zimmer lagen, dies Ganze, von dem ich nur ein kleiner Teil war und in dessen Unbewußtheit ich rasch zurücksinken würde. Oder ich war im Schlafe mühelos in eine für immer abgelaufene Phase aus meinem kindlichen Urzustand zurückgekehrt und hatte wieder den Weg zu den Ängsten der ersten Jugend gefunden, wie etwa jener, die ich verspürte, wenn mein Großonkel mich an den Locken zog: sie war an dem Tage dahingeschwunden -- für mich das Datum eines neuen Lebensbeginns --, als sie mir abgeschnitten wurden. Während des Schlafes hatte ich dies Ereignis vergessen, doch ich erinnerte mich sofort wieder daran, sobald es mir gelungen war aufzuwachen, um den Händen meines Großonkels zu entgehen, aber vorsichtshalber wickelte ich meinen Kopf vollständig in das Kopfkissen ein, bevor ich in die Welt der Träume zurückkehrte.
Manchmal entstand in meinem Schlaf aus einer falschen Lage wie Eva aus der Rippe Adams eine Frau. Während sie aus der Lust hervorgegangen war, die ich erlebte, bildete ich mir ein, daß diese mir erst durch sie zuteil geworden sei. Mein Leib verspürte in dem ihren seine eigene Wärme und drängte zu ihr, ich wachte auf. Die übrige Menschheit war mir dann ferngerückt im Vergleich zu dieser Frau, die ich vor Sekunden erst verlassen hatte; meine Wange war noch warm von ihrem Kuß, mein Leib von ihrem Gewicht zerschlagen. Wenn sie, was bisweilen vorkam, die Züge einer Frau trug, die ich im Leben getroffen hatte, setzte ich alles daran, ihr wieder zu begegnen; es ging mir wie denen, die sich auf die Reise begeben, um mit eigenen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen, und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt. Allmählich verblaßte dann ihr Bild, ich vergaß das Geschöpf meiner Träume.
(Ausschnitt aus In Swanns Welt, deutsch von Eva Rechel--Mertens)
Marcel Proust Gesellschaft
The Kolb-Proust Archive for
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letzte Änderungen: 6.III.2004
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