[Kermit] [Reisen] [Bücher] [Wissenschaft / Technik / Ethik] [auf dem Berg] [e-mail]
Thomas Mann
Kurzbiographie:
Thomas Mann wurde am 6. Juni 1875 als Sohn einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie in Lübeck geboren; seine Mutter war portugiesisch-kreolischer Herkunft. Ab 1893 lebte er in München zunächst als Voluntär einer Versicherungsgesellschaft und begann schon im folgenden Jahr seine Tätigkeit als Schriftsteller und Mitarbeiter des Simplicissimus, dessen Redakteur er in den Jahren 1898 und 1899 war. Nebenbei hörte er Vorlesungen an der TU München. 1901 erschien Manns erster Roman, Die Buddenbrooks, der ihn mit einem Schlage weltberühmt machte. In diesem Werk wird der Untergang einer Kaufmannsfamilie geschildert, die sich der veränderten Gesellschaft nicht anpaßt und deren jüngster Erbe nicht zum Kaufmann neigt sondern zum Künstler, ein Gegensatz, unter dem wohl auch Mann zu leiden hatte. Der Roman brachte ihm aber nicht nur Zuspruch; in Kreisen von Geschäftsleuten wurde der junge Schriftsteller als Nestbeschmutzer beschimpft, entfernte Verwandte schalteten sogar Zeitungsanzeigen, in denen sie ihn als aus der Familie ausgestoßen erklärten. Im Jahre 1905 heiratete Thomas Mann Katja Pringsheim (1883 -- 1980). 1924 erschien der Roman Der Zauberberg; wie in fast allen seinen Romanen folgt Mann auch hier der Tradition der großen Erzähler des 19. Jahrhunderts, die die Kunstform des Romans entschieden weiterentwickelt hatten. Im Zauberberg verschwimmt der Begriff der Zeit, der Leser taucht ein in ein scheinbar zeitloses Abbild der Gesellschaft, in der alle Aspekte des Geisteslebens der Zeit vor dem ersten Weltkrieg diskutiert werden.
1929 erhielt Thomas Mann den Nobelpreis für Literatur. 1933 kehrte er unter Zurücklassung fast all seiner Habe und seiner persönlichen Aufzeichnungen von einer Vortragsreise nicht nach Deutschland zurück, sondern ließ sich in der Schweiz nieder. Bei seiner Ausbürgerung im Jahre 1936 erwarb er die Tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, lebte aber weiterhin in der Schweiz, bis er 1939 in die Vereinigten Staaten von Amerika auswanderte. Mit der großen in den Jahren 1933 bis 1943 entstandenen Romantetralogie Joseph und seine Brüder schuf Mann ein mythologisches Prosaepos, das die Geschichte des alten Testamentes nacherzählt. 1944 wurde er US-amerikanischer Staatsbüger. Mit dem 1947 erschienenen Roman Doctor Faustus durchbricht Mann zum einmal die strenge realistische Erzählform; indem er drei Zeit-- und Betrachterebenen schafft gelingt ihm ein mannigfaltiger Blick auf Deutschland von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Dritten Reiches, gleichzeitig wird der Faust--Stoff auf die moderne Gesellschaft umgesetzt, Faust wird wieder einmal zu einem Spiegel derselben.
1952 kehrte Mann nach Europa zurück und lebte fortan in der Nähe von Zürich, ohne die US-amerikanische Staatsbürgerschaft jemals wieder abzulegen. Neben seinen großen weltliterarischen Werken schrieb er zahlreiche politische Essays und wurde vor allen Dingen während der Zeit des Dritten Reiches eine der führenden Stimmen der deutschen Emigration; nach dem Krieg war er sogar als Kandidat für das deutsche Präsidentenamt im Gespräch. Thomas Mann starb am 12. August 1955 in Zürich.
Der kleine Herr Friedemann (Novelle, 1898), Buddenbrooks (Roman, 1901), Tristan (Novellen, 1903 (incl. Tonio Kröger)), Fiorenza (Drama, 1906), Königliche Hoheit (Roman, 1909), Der Tod in Venedig (Novelle, 1912), Friedrich und die große Koalition (Essay, 1915), Betrachtungen eines Unpolitischen (Essay, 1918), Herr und Hund (Idyllen, 1919), Wälsungenblut (Erzählungen, 1921), Rede und Antwort (Aufsätze, 1922), Von der deutschen Republik (Rede, 1923), Der Zauberberg (Roman, 1924), Unordnung und frühes Leid (Novelle, 1926), Die Forderung des Tages (Reden und Aufsätze, 1930), Mario und der Zauberer (Novelle, 1930), Achtung, Europa! (Aufsätze, 1938), Lotte in Weimar (Roman, 1939), Die vertauschten Köpfe (Legende, 1940), Joseph und seine Brüder (Romantetralogie (Die Geschichten Jaakobs (1933), Der junge Joseph (1934), Joseph in Ägypten (1936), Joseph, der Ernährer (1943)), Das Gesetz (Erzählung, 1944), Adel des Geistes (Essays, 1945), Deutschland und die Deutschen (Rede, 1945), Doctor Faustus (Roman, 1947), Die Entstehung des Doctor Faustus (Roman eines Romans, 1949), Der Erwählte (Roman, 1951), Die Betrogene (Erzählung, 1953) Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Roman, 1922, erw. 1937, erw. 1954).
Zu Thomas Mann kam ich früh in meinem Leserleben durch die Begeisterung eines guten Freundes für diesen Schriftsteller. Das erste Werk, das ich von ihm las, war der Zauberberg, eine Lektüre, die ich geraume Zeit vor mir her und das Buch auf dem Tisch hin und wieder geschoben hatte, da die vierstellige Seitenzahl mich erschreckte, hatte ich meine Leseleidenschaft doch gerade erst entdeckt und noch nie an einem solchen Wälzer erprobt. Kaum hatte ich allerdings begonnen, Hans Castorps Geschichte zu lesen, da konnte ich sie bereits nicht mehr aus der Hand legen. Ich verschlang diesen Roman in wenigen Tagen, und ähnlich erging es mir mit fast allen kurzen und langen Werken, die aus Thomas Manns Feder geflossen sind. Ich habe den Eindruck, daß Thomas Mann mir als Mensch persönlich eher unangenehm gewesen wäre, aber geschrieben hat er phantastisch.
Die Geschichte Hans Castorps, die wir erzählen wollen, -- nicht um seinetwillen (denn der Leser wird einen einfachen, wenn auch ansprechenden jungen Mann in ihm kennenlernen), sondern um der Geschichte willen, die uns in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, daß es seine Geschichte ist, und daß nicht jedem jede Geschichte passiert): diese Geschichte ist sehr lange her, sie ist sozusagen schon ganz mit historischem Edelrost überzogen und unbedingt in der Zeitform der tiefsten Vergangenheit vorzutragen.
Das wäre kein Nachteil für eine Geschichte, sondern eher ein Vorteil, denn Geschichten müssen vergangen sein, und je vergangener, könnte man sagen, desto besser für sie in ihrer Eigenschaft als Geschichten und für den Erzähler, den raunenden Beschwörer des Imperfekts. Es steht jedoch so mit ihr, wie es heute auch mit den Menschen und unter diesen nicht zum wenigsten mit den Geschichtenerzählern steht: sie ist viel älter als ihre Jahre, ihre Betagtheit ist nicht nach Tagen, das Alter, das auf ihr liegt, nicht nach Sonnenläufen zu berechnen; mit einem Wort: sie verdankt den Grad ihres Vergangenseins nicht eigentlich der Zeit, -- eine Aussage, womit auf die Fragwürdigkeit und eigentümliche Zwienatur dieses geheimnisvollen Elementes im Vorbeigehen angespielt und hingewiesen sei.
Um aber einen klaren Sachverhalt nicht künstlich zu verdunkeln: die hochgradige Verflossenheit unserer Geschichte rührt daher, daß sie vor einer gewissen, Leben und Bewußtsein tief zerklüftenden Wende und Grenze spielt... Sie spielt, oder, um jedes Präsens geflissentlich zu vermeiden, sie spielte und hat gespielt vormals, ehedem, in den alten Tagen, der Welt vor dem großen Kriege, mit dessen Beginn so vieles begann, was zu beginnen wohl kaum schon aufgehört hat. Vorher also spielt sie, wenn auch nicht lange vorher. Aber ist der Vergangenheitscharakter einer Geschichte nicht desto tiefer, vollkommener und märchenhafter, je dichter »vorher« sie spielt? Zudem könnte es sein, daß die unsrige mit dem Märchen auch sonst, ihrer inneren Natur nach, das eine oder andere zu schaffen hat.
Wir werden sie ausführlich erzählen, genau und gründlich, -- denn wann wäre je die Kurz-- oder Langweiligkeit einer Geschichte abhängig gewesen von dem Raum und der Zeit, die sie in Anspruch nahm? Ohne Furcht vor dem Odium der Peinlichkeit, neigen wir vielmehr der Ansicht zu, daß nur das Gründliche wahrhaft unterhaltend sei.
Im Handumdrehen also wird der Erzähler mit Hansens Geschichte nicht fertig werden. Die sieben Tage einer Woche werden dazu nicht reichen und auch sieben Monate nicht. Am besten ist es, er macht sich im voraus nicht klar, wieviel Erdenzeit ihm verstreichen wird, während sie ihn umsponnen hält. Es werden, in Gottes Namen, ja nicht geradezu sieben Jahre sein!
Und somit fangen wir an.
Ein einfacher junger Mensch reiste im Hochsommer von Hamburg, seiner Vaterstadt, nach Davos--Platz im Graubündischen. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.
(Auszug aus Der Zauberberg)
Nobelpreis
für Literatur
Das Buddenbrookhaus zu
Lübeck
letzte Änderungen: 6.III.2004
Liebe Besucherin, lieber Besucher,
das Erstellen von Web-Seiten kostet
Arbeit, eine Menge Zeit und manchmal sogar Geld. Wer Seiten ins Netz stellt,
möchte selbstverständlich, daß dieser Aufwand nicht umsonst
war, und so freue ich mich natürlich, wenn Sie von den dargestellten
Informationen etwas weiterverwerten können. Dies sei Ihnen hiermit
ausdrücklich gestattet, ich bitte aber als Entlohnung um eine korrekte
Nennung des Urhebers sowie bei Verwendung im Internet um einen verweisenden
Link auf meine Seite.
Danke.