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Kurzbericht einer staubigen Tour

Als ich 1996 erfuhr, daß ich mit meiner Mutter und meiner Schwester einen Urlaub an Venezuelas Karibikküste verleben und danach noch einen guten Monat Zeit haben würde, um mit dem Fahrrad ein klein wenig den südamerikanischen Kontinent zu berollen, der mir bis dahin gänzlich fremd war, nahm ich meinen dicken Atlas zur Hand und begann, in dieser unergründlichen Quelle der Sehnsüchte zu blättern. Sofort stach mir ins Auge, daß Venezuelas südlicher Zipfel beinahe unbewohnt ist und daß es nur eine einzige Straße gibt, die durch dieses Gebiet hindurch nach Brasilien und zur Südhalbkugel führt. Da wußte ich, daß ich auf dieser Straße würde radeln müssen!

Ich setzte mein nicht wenig anstrengendes Vorhaben in die Tat um. Einige Jahre lang sollte dieses meine letzte echte Radreise gewesen sein, leider. Mich auf Venezuelas Gran Sabana hinaufzukurbeln, war ein hartes Stück Arbeit, bei dem sich mitgeführte sechs Liter Wasser als schlicht zu wenig erwiesen. Dort oben war ich dann allein mit meinem Fahrrad, der schnurgeraden Straße und der endlosen Landschaft, selten gab es ein paar Häuschen oder Hütten, alle waren auf der Karte eingezeichnet. Touristen, die in Jeaps die Gran Sabana mit ihren atemberaubenden Naturschönheiten erkundeten, begegneten mir natürlich schon, doch meistens war ich alleine mit mir, meinen leise rollenden Reifen, dem Panorama, in dem ich als Punkt verschwand und meinen Gedanken, die sich auf den Flügeln wohltuender Einsamkeit davonmachten und zuließen, daß ich mich und mein Leben von außen betrachten konnte.

Niemand, der das nicht erlebt hat, kann das wirklich von Herzen verstehen und nachempfinden! Selbst mir fällt es schwer, wenn ich zu lange nicht mehr draußen war.

Mit der brasilianischen Grenze ließ ich auch die letzten Touristen hinter mir. Ein spezielles Visum ist nötig, um über Land nach Brasilien einreisen zu dürfen. Auf noch immer asphaltierter Straße geht es nun vom Hochplateau wieder hinab in die tropische und feuchtheiße Tiefebene nach Boa Vista. Lange hielt ich mich nicht auf in dieser Stadt, in der es von erfolgreichen und erfolglosen Goldgräbern wimmelt, die auf der Suche nach ein paar Krümeln Glück sind. Es zog mich weiter nach Süden, auf dieser einzigen Piste, die da über den Äquator führte.

[Brasilianische Sandpiste] [Eingestaubter Radfahrer] Nach Boa Vista wurde die Straße tatsächlich bald zur roten Staubpiste. Eine asphaltierte Strecke bis Manaos war damals gerade in Arbeit, heute ist sie sicherlich fertig, und die Fahrt durch dieses Gebiet ist für den heutigen Radfernfahrer nicht mehr so schwierig und bestimmt anders beeindruckend, als sie es für mich war. Staub war mein stärkster Eindruck von dieser Strecke! Ja, alles schien nur noch aus Staub zu bestehen. Die vielen LKW, mit denen ich die Strecke teilte, machten das nicht gerade angenehmer; schnell waren Rad und Radler von einer roten Schicht umgeben. Doch obschon sowohl die Strecke als auch eben der rote Staub das Fahren erheblich erschwerten, ist es doch gerade diese Sandpiste, an die ich in den folgenden Jahren immer wieder sehnsüchtig zurückdenke, wenn mich das Fernweh des Radfahrers wieder einmal packt.

Richtige Ortschaften sind auch weiterhin eine Seltenheit, wenn auch die einzelnen Häuser entlang der Strecke in kürzeren Abständen auftauchen, als dies in der Gran Sabana der Fall war. Diese sind so wichtig für mich, weil ich viel trinken muß. [Stilleben] [Saftige Erfrischung] Ich bin nun wieder in der Tiefebene, es ist tropisch und der Regenwald des Amazonas streckt seine Ausläufer bereits in diese Landstriche vor. So trinke ich jetzt nicht mehr nur noch Wasser, sondern vor allen Dingen Säfte tropischer Früchte, die herrlich erfrischen und den Staub aus der Kehle spülen.

Mit Übernachtungen wird es ein wenig komplizierter. Hier kommt normalerweise kein Tourist entlang, erst recht nicht auf einem Fahrrad. Ich bin auf die Gastfreundschaft der Menschen angewiesen und werde auch nie enttäscht. Ein kleines Schlafplätzchen auf dem Lehmboden mit einem Mosquitonetz darüber findet sich immer. Überhaupt begeistert mich die offene und herzliche Art der Menschen hier. Ich spreche kein Portugiesisch, kann mich also eigentlich schlechter verständigen als in Venezuela; dennoch komme ich hier meistens sehr viel schneller mit den Menschen ins Gespräch, als es dort der Fall war.

[Am Äquator] Schließlich erreiche ich den Äquator, mein Ziel für dieses Mal. Dies ist schon das zweite Land der Erde, in dem ich diese Linie mit dem Fahrrad überquere, 1989 hatte ich dies bereits in Indonesien feierlich zelebriert. Kurz hatte ich mit dem Gedanken gespielt, nun noch bis Manaos weiterzuradeln, doch zum einen wird die Zeit für die Rückreise bereits etwas knapp, zum anderen liegt ein Sperrgebiet auf dem Weg, das ich innerhalb eines Tages hätte durchqueren müssen. Auf dieser Piste und nun auch durch den Dschungel hätte ich das nicht geschafft, und so fahre ich nur bis zum Beginn des Sperrgebietes, wo ich in einer Hütte übernachte, bevor ich mich wieder auf den Rückweg mache, nun größtenteils per LKW, oben auf der Ladung sitzend.

Am letzten Abend der geradelten Strecke bin ich nicht rechtzeitig bei meinem Nachtquartier angekommen. Die Dämmerung holte mich ein, hunderte von Mosquitos fielen über mich her, und so brachte ich als Souvenir von dieser Reise nicht nur Eindrücke, Photos, Tagebuchnotizen und roten Staub mit, der noch lange an Teilen des treuen Fahrrades haftete, sondern auch eine Malaria Tropica, von der ich mich allerdings inzwischen mit einiger Wahrscheinlichkeit als geheilt betrachten kann.

[Das Fahrrad]


letzte Änderungen: 16.IX.2004