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15 Buchempfehlungen

Ich lese recht viel, und dies ist wohl niemandem, der in den letzten Jahren in welcher Art auch immer mit mir zu schaffen hatte, entgangen. So wurde auch ich hin und wieder gefragt, welche Bücher ein Mensch meiner Meinung nach unbedingt gelesen haben sollte. Um die Wahrheit zu sagen, fühle ich mich dieser Frage nicht gewachsen, schon gar nicht in einer allgemeinen Form und ohne etwas über denjenigen zu wissen, der da fragt. Ich bin ja auch gar kein Fachmann, und selbst die finden keine alles erschlagende Antwort, ich bin nur ein Leser! Andererseits habe ich erfahren und genossen, daß Lektüre mein Leben bereichert und menschlicher und lebenswerter gemacht hat -- wenn ich nun vielleicht ein kleines Stückchen dieser Erfahrung durch eine wenn auch unberechtigte Buchempfehlung weitergeben kann, so will ich diese Chance nicht versäumen.

Wie gesagt finden selbst Fachleute keine alles erschlagende Antwort auf die Frage, welche Bücher ein Mensch gelesen haben sollte, und das ist auch gut so, ja, es ist ein Glück, daß sich diese Frage nicht erschlagen und nicht entgültig beantworten läßt, allen Versuchen eines finalen Kanons zum Trotz. Den meisten Lesern wird es so ergehen wie mir: Wir brauchen Bücher nicht zu suchen, denn die Bücher finden uns! Die besten Empfehlungen stehen zwischen den Zeilen der Bücher, die wir mit Begeisterung lesen; aus mancher Lektüre gehe ich mit einem Merkzettel hevor, auf dem an die zehn Titel notiert sind, von denen ich dann vielleicht zwei oder drei lese, bevor dieser Zettel wieder verlorengeht, der natürlichen Auslese Genüge tuend.

Es ist auch zu bedenken, wie verschieden wir Menschen sind, und daß in einem guten und reichhaltigen Buch ein jeder Leser etwas anderes finden wird. Auch der Zeitpunkt der Lektüre, unsere Stimmung und unsere Lebenssituation, verändern das, was wir da lesen, auch wenn die gleichen Buchstaben dort stehen. Ein Buch kann uns in einem Moment begeistern und fesseln, und bei der zweiten Lektüre, einige Jahre später, doch langweilen. Oder wir haben eine Lektüre schon viele Male zu beginnen versucht und nie den Eingang gefunden, und plötzlich, bei einem weiteren Versuch, schon ohne rechte Hoffnung, öffnet sich uns das Buch und wir tauchen mit Begeisterung hinein. Und dann gibt es auch Bücher, die so eng an einen bestimmten Moment unseres Lebens geknüpft sind, eine große Liebe zum Beispiel, daß wir ganz außerstande sind, diese Lektüre von der Erinnerung zu trennen, was ein Buch sowohl unglaublich wertvoll als auch unerträglich machen kann.

Wenn also das Lesen vor allen Dingen eine persönliche Erfahrung ist, welchen Sinn soll dann eine Buchempfehlung haben? Ich glaube, daß es Werke gibt, die viele Leser tief beeindruckt haben, so verschieden auch ihr Leben, ihre Geschichte, ihre Art, die Welt zu sehen, ihr Verhältnis zur Literatur gewesen sein mögen. Bei vielen Lesern beobachte ich, daß häufige Lektüre sie immer weiter zu den Klassikern treibt, unweigerlich, wie Treibholz an den Strand. Aber ich kenne auch Leser, die einen modernen Roman nach dem anderen verschlingen, dabei ihrem Lieblingsgenre treu bleiben und den Zugang zur klassischen Literatur nie finden. Literatur läßt sich kritisieren uund einordnen, aber Lesevergnügen läßt sich nicht werten, und daher ist meiner Meinung nach keine Lektüre einer anderen an sich überlegen oder unterlegen, wenn sie nur Vergnügen macht und dem Leser etwas für's Leben gibt.

Die Auswahl der Titel, die ich auf dieser Seite in aller Bescheidenheit empfehlen möchte, ist also ganz abhängig von meinem eigenen Leben, dem einen wird sie absurd erscheinen, ein anderer mag vielleicht hier und da mit dem Kopf nicken und sich anderswo wundern, wohl niemand wird meine kleine Liste so wie sie ist unterschreiben. Allein die Schwierigkeiten beim Aufstellen dieser Liste bedenkend, wird mir die Unmöglichkeit des Unterfangens bewußt. Hesse beispielsweise begeistert viele Leser, wenn sie die Freuden der Literatur gerade zu entdecken beginnen, aber nur sehr wenige halten nach Jahren und vielen vielen Seiten gewinnbringender anderer Lektüre noch zu ihm; Siddhartha hat mich einst in Asien in einen Zauberbann geschlagen, vor einigen Jahren hat er mich überrascht, weil er mich enttäuschte. Hesse muß in meiner Liste stehen, weil er in meinem Leben viel bedeutet und an viele persönliche Erlebnisse gebunden ist; diese Bedeutung und diesen Zauber möchte ich jedem Leser gönnen, er wird seine Zeit mit dieser Lektüre auch dann nicht vertun, wenn er sie später vielleicht in die Ecke wirft. Andersherum ist es beispielsweise mit Proust, der vielen Lesern zunächst als fade Limonade erscheinen mag, den beinahe jeder ein paarmal weglegt (auf Seite fünfzig und mit der Frage im Kopf: Wann schläft er denn nun endlich ein?), bevor er, wenn er mit der lohnbringenden Ausdauer gesegnet ist, den rechten Zeitpunkt für dieses Werk erwischt und entdeckt, daß dieses Buch wie Urlaub ist und nicht seinesgleichen hat.

Die Leseempfehlung auf dieser Seite ist also gänzlich subjektiv und wenig dauerhaft, sie könnte morgen schon völlig anders aussehen. Wenn sie dem einen oder anderen der wenigen Besucher meiner Seite ein Buch in die Hand legen sollte, an welchem er Vergnügen und Gewinn findet, so hat sich diese Seite dennoch gelohnt. Ich habe nur Werke aus den vergangenen beiden Jahrhunderten erwählt, da dies mein vorzügliches Lesefeld ist.


19. Jahrhundert:
Johann Wolfgang Goethe: "Faust"
Stendhal: "Rot und Schwarz"
Victor Hugo: "Die Elenden"
Fjodor M. Dostojewskij: "Verbrechen und Strafe"
Fjodor M. Dostojewskij: "Die Brüder Karamasow"
Emile Zola: "Das Geld"
Leo N. Tolstoj: "Auferstehung"

20. Jahrhundert:
William Somerset Maugham: "Der Menschen Hörigkeit"
Marcel Proust: "Die Suche nach der verlorenen Zeit"
Thomas Mann: "Der Zauberberg"
Michail Bulgakow: "Der Meister und Margarita"
Hermann Hesse: "Das Glasperlenspiel"
Jean-Paul Sartre: "Das Spiel ist aus"
John Irving: "Gottes Werk und Teufels Beitrag"
Javier Marías: "Morgen in der Schlacht denk an mich"


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letzte Änderungen: 14.XI.2004


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