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Kalligraphie
Der Wind singt seine alte Weise,
Als er durch jungen Bambus fegt.
Bringt feinen Sand, der sich ganz leise
Auf uralte Zeichen legt.
Schwarze Tinte in feinen Schlieren,
Von Pinseln aus Bambus auf's Blatt gelegt;
In der Ewigkeit verlieren
sich Tage, die der Wind fortfegt.
Des alten Meisters knorrige Hände
Kopieren Kongs Gelehrsamkeit.
Weisheit ziert seine kargen Wände,
Geboren in längst vergeß'ner Zeit.
Vieltausend Jahre alte Formen,
Die nur der Gelehrte zu lesen versteht;
Das Buch der Werte und der Normen,
Um das des Alten Welt sich dreht.
Da kommt ein Reisender geritten,
Erreicht erschöpft den Bambushain,
Und dort, mit frisch erstarkten Schritten,
Kehrt er bei dem Gelehrten ein.
Von feuriger Liebe spricht der Knabe,
Vom Wunsche, der ihn hergeführt,
Seine Liebe zu dichten nach alter Gabe,
Zum Zeichen, daß sie ewig währt.
Viel' Tage sind seitdem vergangen,
Der Reisende hat lang verweilt.
Gebändigt hat er sein Verlangen,
Gelernt hat er, daß Zeit nicht eilt.
Der Ewigkeit schlägt keine Stunde,
Auch wenn des Knaben Haar ergraut.
Den Meister, der mit ihm im Bunde,
Verjüngt jeder Vers, den er ihm baut.
Der Wind singt seine alte Weise,
Als er durch jungen Bambus fegt.
Bringt feinen Sand, der sich ganz leise
Auf uralte Zeichen legt.
(Torsten Nieland)
letzte Änderungen: 27.II.2007
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