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Die Clausthaler Igluaktion 1993

Als im Jahre 1993 die Mieten der Wohnheimzimmer an der TU-Clausthal aufgrund von Fehlplanungen des Studentenwerkes und nicht eingehaltener Versprechen der Hannoverschen Landesregierung um einen erheblichen Prozentsatz steigen sollten, entschlossen wir (die Bewohner der Heime I und II) uns im Februar und März zu einem besonderen Protest: Wir bauten zwischen unseren Wohnheimen einen Iglu, der der Grundfläche nach einem Wohnheimzimmer entsprach, und bewohnten diesen gut zwei Wochen lang Tag und Nacht. Diese Aktion brachte nicht nur das Studentenwerk kurzzeitig aus dem Häuschen - oder besser gesagt aus den Räumen der Verwaltung -, sondern es bescherte uns auch häufigen journalistischen Besuch, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Viermal waren wir im Fernsehen, bei einem Sender sogar in den bundesweiten Acht-Uhr-Nachrichten, auch Radiosender interviewten uns mehrfach, außerdem erschien die zuständige Ministerin aus dem Hannoverschen Landtag. Von den vielen Zeitungsartikeln dieser Tage habe ich leider nur sehr wenige aufgehoben, die nun auf dieser Seite nachzulesen sind. Ich möchte allerdings anmerken, daß die Goslarsche Zeitung mit dem Studentenwerk in der Berichterstattung sehr glimpflich umging und einige dort begangene Fehler verschwieg, gegen die wir durchaus protestierten - der Schwarze Peter, den wir auf einem unserer Flugblätter ins Spiel brachten, war schon auf eine real existierende Person gemünzt, und das wußte diese Person auch.

[Igluaktion]
Foto: Hansjörg Hörseljau
Aus dem Bildband Clausthal-Zellerfeld -- Vom Bergbau zur Universität

Daß ich überhaupt noch einmal an diese schöne und gelungene Aktion erinnern möchte, liegt daran, daß ich gerne etwas von der Stimmung vermitteln will, die damals herrschte: Als gelungen habe ich die Aktion gerade bezeichnet, und das, obwohl wir die Mieterhöhungen nicht verhindern konnten. Aber das Gemeinschaftsgefühl zwischen den Studenten stieg, die Begeisterung für die gemeinsame Aktion packte uns alle, die vielen Besuche im Iglu, wo es Kaffee, Tee und Glühwein gab, Besuche nicht nur von Studenten, führten zu Gesprächen und Kontakten, die wirklich neu und fruchtbar waren. Ich glaube wirklich, daß diese aus einer fixen Idee entstandene Aktion damals nicht nur den Beteiligten sehr viel brachte, sondern auch allen Besuchern, und daß die Situation von Studentenwerk und Universität dadurch ganz allgemein ein klein wenig verbessert wurde. Das Bewußtsein dieser kleinen und heute vergessenen allgemeinen Verbesserung ist es, was mich hoffen läßt, daß diese Form der Gemeinsamkeit auch heute noch möglich ist, denn nötig ist sie allemal.


Goslarsche Zeitung, Mittwoch, 3. März 1993

Clausthaler Heimkinder mucken auf

Protest gegen Mieterhöhungen in den Studentenwohnheimen

CLAUSTHAL-ZELLERFELD. Den 941 Mietern in den Studentenwohnheimen stehen zum 1. Juni saftige Mieterhöhungen von im Schnitt 23 DM pro Platz ins Haus, so daß ein Heimplatz damit durchschnittlich 260 DM kosten wird. Damit liegt nach Aussagen des Geschäftsführers des Studentenwerks Peter Zimmermann Clausthal im bundesdeutschen Schnitt, dennoch sind die Heimkinder nicht gewillt, die Erhöhung hinzunehmen und mucken auf.

In einem Flugblatt, herausgegeben vom AStA und den Heimsprechern, wird darauf hingewiesen, daß die Kaltmieten weit über denen des sozialen Wohnungsbaus liegen und - so nach einer AStA-Erhebung - auch über denen des privaten Wohnungsmarktes. In anderen Städten liegen die Mieten für Studentenwohnheime am unteren Ende der Preisskala, in Clausthal spielt das Studentenwerk die Rolle eines Preistreibers und Monopolisten, prangern die Studenten die Mieterhöhung an. Doch derjenige, gegen den die Studenten hier zu Felde ziehen, der Geschäftsführer des Studentenwerkes, geht nun keineswegs in die Offensive, sondern erklärt: Die Studenten haben recht. Verantwortlich für die Finanzmisere des Studentenwerks, ein Schuldenberg von 1 100 000 DM, ist nämlich das Land. Das erkennen die Studenten völlig richtig und fordern dann auch, gegebene Versprechen einzulösen. Der Löwenanteil der Schulden fällt nämlich auf die Renovierung des Heims 1, die Alte Münze. Die Maßnahme war nicht in mehreren Bauabschnitten zu realisieren. Das Land hatte die Maßnahme anerkannt, hatte Zusagen zur Finanzierung gemacht, nur Geld kam nicht. Und zwar, wie Zimmermann berichtet, aus Haushaltsrechtlichen Gründen. Das Land hat das Studentenwerk nämlich so lange vertröstet, bis die Maßnahme abgeschlossen war, und für abgeschlossene Projekte gibt es kein Geld mehr. Da dem Studentenwerk in früheren Jahren die Bildung von Rücklagen verwehrt worden war, müssen die Heimkinder den Schuldenberg nun über die Miete abtragen. Für Zimmermann ein Unding, daß man wieder die Schwächsten in der Kette zur Kasse bittet. Es heißt schließlich Studentenwerk, das heißt wir sind sogar per Gesetz verpflichtet, und um die wirtschaftlichen und sozialen Belange der Studenten zu kümmern. Dazu gehört auch das Wohnen. Wir können das aber nur so gut, wie das Land es zuläßt, und in diesem Fall läßt das Land uns hängen, ist Zimmermann über die Entwicklung der Dinge verstimmt.

Er hat allerdings einen Lösungsvorschlag. Der ist bisher nur angedacht, ich werde das aber wohl vorschlagen, teilt er mit. Danach wäre es für ihn denkbar, daß beim Umbau in der Oberharz-Kaserne ein Heim nicht mit den obligatorischen 30 % Eigenmitteln entsteht, sondern daß es voll gefördert wird. Damit, so hat Zimmermann ausgerechnet, könnte man den jetzigen Verlust von rd. 1 Mio. DM ausgleichen und wäre dann quitt.

(HaBe)


Goslarsche Zeitung, Freitag, 5. März 1993

Echte Kaltmiete zum Nulltarif im Heim XII

Clausthaler Studenten protestieren im Iglu gegen Mieterhöhungen

[Iglubild] [Iglubild] CLAUSTHAL-ZELLERFELD. Kalt ist es, aber nicht ungemütlich: In einem Iglu hinter der Alten Münze nächtigen derzeit einige Studenten, mietfrei, versteht sich. Doch nicht etwa Freizeiteskimos oder Kälteextremisten haben das akkurate Schneehaus erstellt, sondern Studenten, die auf diese Weise ihre kalte Wut gegenüber dem Land demonstrieren.

Die Sanierung der Alten Münze, des Wohnheims I, hat dem Studentenwerk ein Loch von 1,1 Mio. DM in den Finanzhaushalt gerissen. Das Land Niedersachsen hatte zugesagt, sich mit den üblichen 80 Prozent an der notwendigen Sanierung zu beteiligen. Diese Zusage wurde jedoch nicht eingehalten. Das Studentenwerk wurde daher in eine Zwangslage versetzt und muß, um die Finanzlücke zu schließen, die Wohnheimmieten in allen Clausthaler Studentenwohnheimen kräftig (um 23 DM pro Monat und Mieter auf im Schnitt 9,50 DM pro Quadratmeter) anheben (die GZ berichtete).

Mieten bis zu 12,89 DM pro Quadratmeter, also weit über dem Sozialmietennieveau (8 DM), behaupten die Studenten, seien künftig angesagt. Das hat die Heimkinder auf die Barrikaden getrieben bzw. zu architektonischen und handwerklichen Leistungen animiert, denn dort im Iglu haben sie nun echte Kaltmiete zum Nulltarif. Damit es ein bißchen wohnlicher ist, gibt es nicht nur Mobilar, sondern sogar die Eiswände sind liebevoll mit Kunst verschönert. Wem es im Schneehaus gar zu kalt, kann sehnsüchtig mit Blick auf Mühle samt wogendem Kornfeld von heißen Sommertagen träumen.

Eher gibt es allerdings wohl heiße Köpfe, wenn weitere Schachzüge der Protestaktion beratschlagt werden. Es gehe nicht an, daß sich das Land Niedersachsen aus seiner Verantwortung stehle und den Schwarzen Peter den sozial Schwächsten, den Studenten, zuschiebe, argumentiert der AStA. Der Studienstandort Clausthal wird so immer unattraktiver gemacht, befürchtet Ralf Simon vom AStA. Auch fragt er sich, wie denn die zahlreichen ausländischen Studenten die jetzigen Mieten bezahlen sollen. Die Studenten prangern den Sozialen Numerus clausus in Clausthal an. Die Studenten fordern, daß das Land seiner sozialen Verpflichtung nachkommt und die fehlenden 1,1 Mio. DM bezahlt.

Peter Zimmermann, Geschäftsführer des Studentenwerks, stimmt dieser Forderung zu. Dies habe man auch gegenüber dem Ministerium für Wissenschaft und Kultur deutlich gemacht. Nach Aussage von Zimmermann tue sich aber noch eine andere Möglichkeit auf, um das Loch zu stopfen. Wenn in der Oberharz-Kaserne Studentenwohnheime eingerichtet werden und die Maßnahme mit 100 % vom Land finanziert würde, könnte man die Lücke schließen. Von Seiten der Studenten steht man dieser Variante nicht ablehnend, aber mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber. Zusagen, die hinterher zurückgezogen werden, brauchen wir nicht. Wir wollen nicht wieder hinterher die Dummen sein, so war es zu hören.

Die Studenten haben sich auf eine längere Wartezeit eingerichtet. Solange es nicht taut, wollen sie in ihrem Schneehaus bleiben. Erste Wirkungen hat der Protest schon gezeigt: Ein Fernsehteam des Senders SAT.1 hat am gestrigen Donnerstag Aufnahmen und Interviews aufgezeichnet. Aufmerksamkeit außerhalb ihrer selbstgewählten Schneemauern haben die Studenten mit ihrem Heim XII also bereits erregt, bleibt abzuwarten, wie die Reaktionen des Landes aussehen werden.

(ua/HaBe)


Hannoversche Allgemeine Zeitung, Freitag, 5. März 1993

Studenten schlafen im Iglu

Clausthaler AStA protestiert gegen Mieterhöhung

[Iglubild] [Iglubild] CLAUSTHAL-ZELLERFELD. Studenten der Technischen Universität (TU) Clausthal-Zellerfeld im Harz schlafen seit zwei Nächten in einem Schnee-Iglu vor der Mensa mit der Aufschrift Wohnheim 12, Zimmer 1. Sie wollen damit gegen die geplante Erhöhung der Mieten für die elf echten Studentenwohnheime in Clausthal protestieren. Vom 1. Juni an sollen sie knapp 13 Mark Kaltmiete pro Quadratmeter zahlen. Betroffen sind 941 Studenten, die über einen Wohnheimplatz verfügen. 13 Mark sind zuviel für winzige Zimmer in heruntergekommenen Heimen, sagt der Finanzreferent des Allgemeinen Studenten-Ausschusses (AStA) der TU, Thomas Studnitzky. Das ist mehr, als in Clausthal für private Unterkünfte bezahlt werden muß.

Solange genügend Schnee liegt, wollen die Studenten deshalb in dem rund vier mal fünf Meter großen Iglu bleiben, den sie am Dienstag direkt vor der Mensa gebaut haben. Wir haben es uns da behaglich eingerichtet, sagt Studnitzky. Bei Außentemperaturen von minus drei Grad klettert das Thermometer in den Clausthaler Eskimo-Wohnstätten immerhin auf plus sechs Grad. Nützen wird die Protestaktion, die eine Woche dauern soll, vermutlich aber nichts. Wir können die Mieterhöhung nicht rückgängig machen, sagte der stellvertretende Chef des Studentenwerks, Holger Gerken, am Donnerstag.

Die Sanierung eines der baufälligsten Wohnheime habe ein großes Loch in die Studentenwerkskasse gerissen, zumal das Land Niedersachsen eine ursprüngliche Finanzierungszusage zurückgezogen habe. Da das Land dem Studentenwerk außerdem jahrelang untersagt hatte, Rücklagen für Sanierungsmaßnahmen zu bilden, bleibe jetzt nur die Mieterhöhung. Wir sind verpflichtet, kostendeckend zu arbeiten, sagt Gerken. Auch der AStA kritisiert die rot-grüne Landesregierung. Sie habe den schwarzen Peter auf recht bequeme Weise den sozial Schwächsten, den Studenten, zugeschoben.

(pid/mme)


Frankfurter Rundschau, Freitag, 5. März 1993

Studenten schlafen im Iglu

CLAUSTHAL-ZELLERFELD. 4. März. Studenten der Technischen Universität (TU) Clausthal-Zellerfeld im Harz schlafen seit zwei Nächten in einem Schnee-Iglu vor der Mensa mit der Aufschrift Wohnheim 12, Zimmer 1. Sie wollen damit gegen die geplante Erhöhung der Mieten für die elf echten Studentenwohnheime in Clausthal protestieren. Ab dem 1. Juni sollen sie knapp 13 Mark Kaltmiete pro Quadratmeter zahlen. Betroffen sind 941 Studenten. 13 Mark sind viel zu viel für winzige Zimmer in heruntergekommenen Heimen, sagt der Finanz-Referent des Allgemeinen Studenten-Ausschusses der TU, Thomas Studnitzky.

(pid)


Goslarsche Zeitung, Dienstag, 9. März 1993

Volle Unterstützung wurde zugesagt

Landtagsabgeordnete Kopischke und Meier am Studenten-Iglu

[Iglubild] CLAUSTHAL-ZELLERFELD. Besuch von den Landtagsabgeordneten Peter Kopischke, SPD, und Heribert Meier, CDU, erhielten am Samstag die Studenten im Iglu. Wie berichtet protestierten sie gegen die Erhöhung der Mietpreise in den Studentenwohnheimen. Das Heim XII, der Iglu, in dem die Studenten übernachteten, sorgte bundesweit für Medienrummel.

Diese originelle Art des Protests fand dann auch Anerkennung bei Peter Kopischke, der es beachtenswert fand, daß die Clausthaler Studenten mit ihren sanften Protesten stets mehr Aufmerksamkeit erhielten als durch Krawalle. Sie werfen wenigstens keine Fensterscheiben ein, lobte er, worauf ein Student konterte: Das machen doch alle. Erreicht haben die Studenten mit ihrer Protestaktion zumindest, daß die beiden zuständigen Landtagsabgeordneten sich dieses Problems verstärkt annehmen wollen. Denn das Land ist schließlich gefordert, da es die Finanzierungszusagen für die Sanierung des Wohnheims I (Alte Münze) nicht eingehalten hat. Kopischke sagte den Studenten einen Gesprächstermin mit Ministerin Schuchardt in der nächsten Woche zu, und Heribert Meier versprach, daß sich die Bergstadt Clausthal-Zellerfeld mit einem Brief an die Ministerin wenden werde.

Leicht wird eine Lösung nicht zu finden sein, das verhehlte Kopischke nicht, denn in der Tat stehen finanztechnische Probleme der Zuwendung von 1 Mio. DM Deckungslücke im Wege. Man werde sich dennoch dafür einsetzen, daß nicht die Studenten die Zeche zahlen müßten, sagte Kopischke. Verschiedene Modelle wurden angedacht, unter anderem auch der Vorschlag Peter Zimmermanns vom Studentenwerk, bei Schaffung von Wohnheimplätzen in der Kaserne eine volle Bezuschussung zu bekommen und damit das Finanzloch zu stopfen.

Die Studenten äußerten die Befürchtung, daß bei steigenden Wohnheimmieten Clausthal-Zellerfeld als Studienort unattraktiv werde und die Studenten ausblieben. Dann stünden die Wohnheime leer, zumal bei den hohen Mieten die Studenten mehr und mehr auf den privaten Wohnungsmarkt auswichen. Abgeordnete und Studentenwerk wollen alle Anstrengungen unternehmen, um zu verhindern, da&azlig; diese Horrorvision Realität wird.

(HaBe)


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letzte Änderungen: 10.I.2005