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Drushba -- Freundschaft
Mit dem Fahrrad nach Rußland

Auftakt

Mit diesem Fahrrad würde ich nicht mal bis zur Uni fahren, und Du willst bis nach Rußland?, sagt einer meiner Komilitonen, als ich noch in der Nacht vor der Abfahrt von meinem Studienort Clausthal an meinem Rad herumschraube, das ich gebraucht für neunundneunzig Mark gakeuft habe, und das, falls es Überhaupt solange hielt, nach der Reise in Moskau bleiben soll. Auch mein Gepäck packe ich erst spät in der Nacht zusammen -- die Abreise verlöuft wie immer bei mir in Hektik.

Mein Komilitone Martin will mich bis zur deutsch-polnischen Grenze begleiten. Aus der für den frühen Morgen geplanten Abfahrt wird aber erstmal nichts, denn wir beide fühlen uns plötzlich krank, mit Übelkeit, Magen- und Kopfschmerzen. Als es uns gegen Mittag endlich ein bißchen besser geht, brechen wir auf -- im gleichen Moment fallen die ersten Regentropfen....

Es bleibt bei ein paar Tropfen, bald scheint wieder die Sonne und es wird warm. Am Nachmittag haben wir bereits die ehemalige innerdeutsche Grenze hinter uns und ich befinde mich zum ersten Mal mit dem Rad in den Neuen Bundesländern. Ich denke daran, wie unvorstellbar eine Radtour hier für mich noch vor wenigen Jahren war.

Als ich vor vier Jahren im Herbst 1989 von meiner 14-monatigen Asienreise heimkehrte, durchquerte ich die Sowjetunion mit der Transsibirischen Eisenbahn. Ich kam mit einem Russen ins Gespräch, dem ich von meinen Erlebnissen mit dem Fahrrad in Asien erzählte. Da sagte er zu mir: In ein paar Jahren kannst Du mit dem Fahrrad durch die Sowjetunion fahren, warte nur ab, Gorbatschow wird dafür sorgen. Damals habe ich ihn für verrückt erklärt, jetzt sollte die Idee zur Wirklichkeit werden -- aus Feinden sind Freunde geworden!

Für mich waren die da drüben allerdings niemals Feinde. Bevor ich 1988 zum erstenmal die Sowjetunion durchreiste, wurde ich von vielen vor den bösen Russen gewarnt, heute sind sie das arme russische Volk, das so lange gelitten hat -- es stimmt mich nachdenklich, wie schnell wir Menschen mit Systemen verwechseln! All das geht mir immer wieder durch den Kopf, während ich auf Ex-DDR-Boden radele, ich empfinde immernoch Begeisterung für die Veränderungen und Erstaunen für die Schnelligkeit, mit der sie stattgefunden haben....

Am Abend fragen wir bei einem Bauern, ob wir in seiner Scheune übernachten dürfen. Da wir beide Nichtraucher sind, hat er nichts dagegen, solange uns die Kuh nicht stört.... Als der Bauer erfährt, daß ich durch Polen weiter fahren will, fragt er mich, ob ich eine große Kette bei mir habe, denn die Polen würden alles stehlen, und mein Fahrrad bes„ße ich bestimmt nicht mehr, wenn ich Polen verließe. Solche Warnungen höre ich auch sp„ter immer wieder, gebe aber nicht viel darauf.

Schon am nächsten Tag erreichen wir Magdeburg. Hier nehmen wir an den letzten Tagen des Auftaktes teil. Der Auftakt ist eine Veranstaltung, die unter dem Motto Mobil ohne Auto steht. [Auftakt] Etwa zehntausend Menschen sind mit dem Fahrrad aus ganz Deutschland nach Magdeburg angereist, zum größten Teil in organisierten Gruppen. Am Elbeufer ist ein großes Zeltlager aufgebaut. Tagsüber finden Vorführungen, Ausstellungen, Vorträge und Diskussionen zu allen möglichen Gebieten des Umweltschutzes statt, am Abend gibt es Konzerte, Kabarett und ähnliche Aufführungen. Die Atmosphäre ist sehr locker, spontan entstehen Gesprächsrunden, in denen es um Umweltschutz oder das Fahrrad geht, und wenn ich auch keinen Bekannten treffe, so gibt es doch manchmal gemeinsame Bekannte -- Radfernfahr-Kollegen.

Richtung Osten

Während die meisten Teilnehmer am letzten Auftakt-Tag mit dem Zug nach Hause fahren (die Bundesbahn verlangt dem Anlaß entsprechend einen erhöhten Sonderpreis), beginnt unsere Radtour nun erst richtig. An der Elbe entlang verlassen wir Magdeburg zunächst in Richtung Norden. Wir sind noch nicht lange unterwegs, da treffen wir Matthias aus Dresden, der auch vom Auftakt kommt und nun nach Rostock radeln will. Ein vierter Auftaktbesucher, der sich uns ebenfalls für eine kurze Strecke angeschließt, hat sich am Abend allerdings schon wieder von uns getrennt, als wir in einer etwas verfallenen, aber mit ausreichend Stroh ausgestatteten Feldscheune unser Lager aufschlagen.

Am nächsten Tag trennen sich unsere Wege wieder. Martin und ich erreichen bald das mecklenburgische Seengebiet. Mecklenburgs Landschaften haben es mir gleich angetan. Die Besiedlung ist hier dünn, die alten, schmalen Alleen sind kaum befahren und es gibt noch eine Menge Vögel. Zwischen zwei nahe beieinandergelegenen Seen finden wir am Abend eine Scheune, in der wir übernachten dürfen. Zu unserem Erstaunen hat sich hier auch schon eine Pfadfindergruppe eingenistet, die mit Kanus unterwegs ist. Der Betreiber des Hofes nennt sich Papa Charlie. Er stammt eigentlich aus dem Odenwald und plant, hier ein Jugendzentrum zu errichten, das vor allem Kanufahrern als Herberge und Begegnungsstätte dienen soll. Am Morgen serviert uns Mama Charlie dann auch noch ein ausgiebiges Frühstück. Als Dank helfen Martin und ich ein wenig dabei, Holz für das entstehende Jugendzentrum zu tragen.

Nach weiteren zwei Tagen erreichen wir die Halbinsel Usedom und damit zum ersten Mal auf dieser Fahrt die Ostsee. Auf Usedom haben wir Schwierigkeiten mit den Scheunenunterkünften. Der Tourismus hat die Menschen mißtrauisch gemacht, und wir werden überall abgewiesen. Also ziehen wir uns in den Wald zurück. Der klare Himmel will uns zunächst zum Schlafen im Freien verleiten, aber als dann mitten in der Nacht ein heftiger Gewitterguß niedergeht, sind wir froh, wenigstens ein Zelt aufgeschlagen zu haben. Es wird trotzdem noch naß genug, und der Morgen ist alles andere als eine Freude.

Am Abend werfen wir zum letzten mal gemeinsam Martins Benzinkocher an, um einen texanischen Feuertopf zu bereiten. Unser Benzinverbrauch -- bei mehrmaligem Tee und einer warmen Mahlzeit täglich -- beträgt einen halben Liter auf sechshundert Kilometer!

Die polnische Grenze überquere ich am nächsten Morgen alleine, während Martin zurück in Richtung seiner Heimatstadt Lüneburg radelt. Eine Paßkontrolle an der Grenze findet gar nicht mehr statt. Unglaublich!

Ich bleibe nicht lange allein, schon nach einer halben Stunde treffe ich einen siebzig Jahre alten Berliner, der mit dem Fahrrad die Orte besuchen will, in denen er als Kind seine Ferien verbracht hat. Mein neuer Begleiter scheint es allerdings vorzuziehen, allein zu fahren, und so verlasse ich ihn nach einigen Kilometern wieder. Ich habe starken Rückenwind und komme ausgezeichnet voran.

Gegen Mittag schaue ich nach einer Essenmöglichkeit aus. Vor einer sogenannten Milchbar, in der es Hamburger, Hot Dogs und ähnliches gibt, stehen zwei bepackte Fahrräder. Hier lerne ich Hilke und Michael aus Celle kennen, die wie ich das Baltikum ansteuern. Zu dritt fahren wir weiter.

Die Scheunen als Unterbringung werden nun zunächst durch Zeltplätze abgelöst. Die polnischen Zeltplätze, vor allem nahe der Ostseeküste, sind allerdings unverhältnismäßig teuer, manchmal teurer als eine einfache Herberge. So beschließen wir an einem Abend, das Geld zu sparen und an einem einsamen Strand im Freien zu übernachten. Kilometerweit gibt es kein Haus und keine Menschenseele. Zufrieden schlafen wir nach dem Abendessen unter sternklarem Himmel ein.

Der nächste Morgen hält unangenehme Überraschungen bereit. Als wir erwachen regnet es auf unsere Daunenschlafsäcke (und natürlich auch auf uns, aber wir sind ja nicht aus Pappe). In Windeseile packen wir zusammen. Dabei müssen wir feststellen, daß eine von Hilkes Radtaschen fehlt. Ein nächtlicher Spaziergänger muß die günstige Gelegenheit genutzt und aus dem Taschenhaufen neben uns wahllos eine mitgenommen haben. Unsere Suche am Strand bleibt erfolglos. Zwar fehlt außer Werkzeug, das ich ja auch dabei habe, nichts unentbehrliches, aber ärgerlich und enttäuschend ist es doch.

Fortan versuchen wir, uns an die billigeren und weniger touristischen Jugendherbergen zu halten. In Polen wird in fast jedem Ort in der Ferienzeit eine Schule oder eine Sporthalle zur Jugendherberge umfunktioniert. Das ist ein ausgezeichnetes System, denn genau in dieser Zeit werden Herbergen für Jugendliche ja gebraucht. Die manchmal recht notdürftigen Unterkünfte haben alle ihren eigenen Charme, und es gibt immer eine Küche, so daß Hilkes und Michaels Spirituskocher kalt bleiben kann.

Nach wenigen Tagen erreichen wir Gdansk (Danzig), wo wir einige Tage bleiben wollen. Habe ich bisher von Hilkes und Michaels Kochutensilien profitiert, so kann ich nun mit meinen Kenntnissen über Fahrräder behilflich sein. Michaels Tretlager ist defekt und muß ausgewechselt werden. Leider kostet uns diese Reperatur und die Wiederbeschaffung des gestohlenen Werkzeugs einige Zeit. [Gdansk] Trotzdem sehen wir einiges von der eindrucksvollen Stadt Gdansk. Sie wurde während des Zweiten Weltkrieges völlig zerstört, nicht einmal die Grundmauern der historischen Altstadt sind stehengeblieben. Nach dem Krieg wurde der Stadtkern nach alten Gemälden, Fotographien und Plänen komplett neu aufgebaut und sieht heute wieder bis auf das I-Tüpfelchen wie das alte Gdansk aus. Wer es nicht weiß, kommt unmöglich auf die Idee, daß keines der Häuser in der Altstadt älter als fünfundvierzig Jahre ist.

Nach Gdansk heißt unser nächstes Ziel Tczew (Dirschau). Hier wohnt eine Großtante von Michael, die wir besuchen wollen. In dieser Gegend Polens wohnen noch sehr viele Deutschstämmige, die zum Teil die deutsche Sprache noch gut beherrschen. Auch Tante Klara spricht fließend Deutsch. Sie erzählt uns viel von den Sorgen und Nöten der Menschen in Polen. Vor allem den Rentnern geht es schlecht. Die Renten sind schon lange nicht mehr der Inflation angepaßt, und viele Rentner leben nur noch von Brot, Käse und den Früchten des eigenen Gartens -- Abwechslung können sie sich nicht leisten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist eine stark zweigeteilte Gesellschaft entstanden, die ich später auch im Baltikum und Rußland entdecke. Da gibt es einige, die gut auf den Zug Marktwirtschaft aufspringen konnten und nun ein besseres Leben führen. Aber da sind auch sehr viele, die diesen Sprung nicht geschafft haben und nun in immer schlimmer werdende Armut verfallen. Als direkte Folge davon nimmt der Drogenkonsum zu. Noch nirgendwo habe ich so viele Betrunkene gesehen, wie in Polen.

Wir sind an einem Freitag Abend bei Tante Klara, und Freitags gibt es auf einem der hier zu empfangenden deutschen Fernsehkanäle die Heimatmelodie -- Jeden Freitag sind wir zu Hause in Deutschland!, sagt Tante Klara, während wir der Volksmusik lauschen.

Es gibt ein reichliches Frühstück, wie wir es schon lange nicht mehr gewöhnt sind. Obwohl auch Tante Klara und ihr Mann Rentner sind, tischen sie uns alles auf, was zu bekommen ist, und was sie sich selbst sicher niemals leisten würden. Für die Gäste wird hier eben alles getan. Nach dem Frühstück brechen wir auf. [Zwei Radler, drei Zweiräder] Jetzt verlassen wir Pommern und kommen in die Masuren. Die Seenlandschaft ist noch eine Steigerung zu Mecklenburg, die Besiedelung ist noch dünner und die Artenvielfalt noch größer. Vor allem Störche gibt es zahlreich; Strommasten sind offenbar ihre Lieblingsnistplätze.

Nach weiteren fünf Tagen erreichen wir die polnisch--litauische Grenze. Als Radfahrer können wir die kilometerlangen Autoschlangen zu beiden Seiten der Grenze passieren; Autofahrer werden allerdings davor gewarnt, denn es heißt, wer sich nicht ordentlich anstellt, wird manchmal nicht nur zurückgeschickt, sondern kassiert oft auch eine Prügelstrafe. Für uns verläuft der Grenzübertritt problemlos und mit wenig Papierkram, während uns Fahrzeuge, die wir ganz vorne in der Schlange gesehen haben, erst abends wieder auf der Landstra&szzlig;e begegnen.

Nun sind wir im Baltikum und damit auch auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion -- das Versprechen aus dem Jahr 1989 wird wahr.

Drushba

Abends erreichen wir Alytus. In dieser kleinen Industriestadt übernachten wir in einem Hotel, das hauptsächlich von Soldaten benutzt wird. Am Abend und am Morgen können wir auf dem kleinen Exerzierplatz vor unserem Fenster dem Auf- und Abmaschieren zusehen. Mit Kleidung scheint die litauische Armee allerdings noch nicht vollständig ausgestattet zu sein, denn die Soldaten tragen sehr unterschiedliche Uniformen und Kopfbedeckungen, einige sogar Sportschuhe anstelle der Stiefel.

Bis Trakai, nahe der litauischen Hauptstadt Vilnius (Wilna) fahre ich noch gemeinsam mit Hilke und Michael. In Trakai finden wir durch Zufall eine private Unterkunft bei Jonas. Von hier aus besichtigen wir Vilnius. Wie auch die anderen baltischen Hauptstädte, ist Vilnius im Wiederaufbau begriffen. Überall wird renoviert, und die Spuren der Sowjetmacht verschwinden. Die Abende verbringen wir oft bei Jonas. Mit russischen, litauischen und deutschen Wortbrocken versuchen wir, eine Unterhaltung zustande zu bringen, wobei uns ein Deutsch-litauisches Gesprächswörterbuch aus dem Jahre 1941 behilflich ist -- wenn auch darin zu findende Sätze wie Wer plündert wird erschossen! heute kaum noch anwendbar sind, zum Glück!

Mit Jonas erleben wir auch unser erstes richtiges Wodka-Trinken. Wir haben Jonas zum Essen eingeladen. Daraufhin holt er die Wodkaflaschen aus dem Schrank. In Hundert-Gramm-Portionen wird das Wässerchen auf ex getrunken, dazu gibt es Gurken und Speck. Das einzige russische Wort, das ich an diesem Abend von Jonas lerne ist Drushba -- Freundschaft! Dieses Wörtchen bekomme ich später noch oft zu hören, vor allem soll es mein Begleiter durch den einen oder anderen weiteren Wodka-Abend werden.

Wodka trinken will gelernt sein. Wer, wie die Russen, ständig dabei ißt, der hält lange durch. Wir sind unerfahren; der Abend endet damit, daß wir die litauische Nationalhymne singen....

Am Morgen geht es uns übel, das versteht sich. Am schlimmsten sieht aber Jonas aus. Ursprünglich wollten wir früh am Tag aufbrechen, aber erst am späteren Nachmittag sind wir wieder in der Lage, die Pedale zu bewegen. Ich trenne mich von Hilke und Michael, die einen Nationalpark im Nordosten Litauens ansteuern, während ich in Richtung Riga weiterfahre.

Zum immer noch flauen Gefühl im Magen kommen bald leichter Regen und schwerer Gegenwind, woran sich auch in den nächsten beiden Tagen nichts ändert. Doch damit nicht genug, die Strecke von Trakai bis Riga beschert mir ganze sechs Platten; zwischen Clausthal und Trakai hatte ich nur halb so viele, was auch schon nicht wenig ist. Trotzdem erreiche ich die lettische Hauptstadt nach zwei Tagen.

Kaum habe ich ein billiges Hotel gefunden, da treffe ich auch schon wieder Radler. Anna und Alan kommen aus dem US-amerikanischen Californien und sind nun seit neun Monaten per Drahtesel unterwegs. Sie haben sich dabei zunächst auf dem indischen Subkontinent, dann in Deutschland und Osteuropa aufgehalten. Anna und Alan wollen wir ich weiter nach Tallinn, und so fahren wir gemeinsam weiter, nachdem wir einen Tag mit der Besichtigung Rigas verbracht haben.

Kaum sind wir wieder on the road, da begegnen wir Otti aus Hamm -- ebenfalls per Fahrrad unterwegs. Otti fährt uns allerdings bald wieder davon, offensichtlich hat er es eilig.

Die erste Nacht in Estland verbringen wir in einer kleinen Herberge, in der wir ganz allein sind. Zum Inventar gehört hier auch eine Gitarre. Bis in die Nacht spielen und singen wir; besonders im Gedächtnis bleibt mir der Song von Mariah, dem Wind. [Auf dem Weg nach Tallinn] Ich bin ein Stümper auf der Gitarre und ein noch schlechterer Sänger, doch manchmal kommt es einfach nur auf die Stimmung an, und so werde ich von Anna und Alan ermuntert, mir nie wieder einreden zu lassen, ich solle die Finger von der Gitarre lassen. Gerade sind wir schlafen gegangen, da gibt es einen lauten Knall. Sofort denken wir an einen Schuß. Nach einem bangen Moment machen wir uns auf die Suche nach der Ursache. Der vermeindliche Schuß war nichts weiter als mein Fahrradschlauch, der geplatzt ist....

Schokoriegel

In Pärnu, einer estnischen Hafenstadt, trenne ich mich wieder von Anna und Alan. Am Abend erreiche ich dann eine kleine Stadt namens Lihula. Als ich feststelle, daß es keine Herberge gibt, bin ich sehr dankbar, als mir ein Mann namens Josep anbietet, in seiner Wohnung zu übernachten.

Zunächst verstehe ich kein Wort von dem, was Josep sagt, bis ich bemerke, daß es sich um gebrochenes Deutsch mit einem sehr strengen, fast schwäbisch klingenden Akzent handelt. Joseps Familie ist deutschstämmig, Josep wurde allerdings schon in der Sowjetunion, in der jetzigen Ukraine, geboren und wuchs in Estland auf. Trotzdem bezeichnet Josep sich als Deutschen.

In der Wohnung bekomme ich erstmal ein reichliches Abendessen mit Eiern und Speck serviert. Ich erinnere mich an Tante Klara aus Tczew, und wieder weiß ich nicht recht, wie ich mich bedanken soll. Während ich esse, erzählt Josep vom Leben in Estland. Er beklagt sich über die ungewisse Situation. Einen Tag hast Du Arbeit, aber Du weißt nicht, ob Du am nächsten Tag wieder Arbeit hast., sagt Josep, Es gibt genug zu tun, aber keiner weiß, ob Du noch einen weiteren Tag bezahlt werden kannst. Alles ist unsicher. Das ist doch kein Zustand für einen Deutschen!. Es wirkt ein bißchen komisch, wenn Josep in seinem gebrochenen Deutsch sagt, für einen Esten sei die Situation wohl in Ordnung, aber er als Deutscher brauche doch eine geregelte Arbeit und ein geregeltes Leben. Die anderen Deutschen aus Lihula sind schon fast alle nach Deutschland ausgewandert, und auch Josep will mit seiner Familie nach Hause, wie er sagt, wenn er auch nicht so genau weiß, wie es dort aussieht.

Später am Abend will Josep mit seiner Familie und mir unbedingt in eine Bar gehen. Als Unwissender hätte ich diese Bar im zweiten Stock eines der gewöhnlichen Mietshäuser gar nicht gefunden, nur ein kleines Schild am Eingang weist darauf hin. Jemand hat den Nachbarn bescheid gesagt, die auch alle kommen, den Besuch aus der Heimat zu sehen. Es gibt Kaffee und Wodka. Dazu werden auf einem Teller ein paar Schokoladenriegel aus dem Westen gereicht. Das kommt doch von Euch., sagt Josep, Das ist hier alles sehr teuer. Davon lassen wir nichts liegen, was wir nicht essen nehmen wir mit. Seine Frau hat Probleme, die Verpackung des Schokoriegels zu öffnen. Da meint Josep, ich solle es vorführen, eich sei doch von dort und Fachmann für solche Sachen. Unter Staunen und Raunen öffne ich die Verpackung. Jede meine Handbewegungen wird kopiert, als die anderen Schokoriegel auch geöffnet werden. Die Schokolade wird in möglichst kleinen Happen verspeist, es ist ein Luxusgut, nicht einfach etwas zum Naschen. Josep sagt: Hier leben sie wie Wilde. Manchmal kannst Du sehen, wie sie die Verpackung mit den Zähnen aufreissen. Nur ihr wißt, wie mit solcher Technologie umgegangen wird.....

[Tallinn] Am darauffolgenden Tag erreiche ich Tallinn. Hier ist alles, insbesondere die Übernachtungen recht teuer. Da auch meine Zeit nun schon recht knapp wird, bleibe ich nur einen halben Tag in der estnischen Hauptstadt. Als Gegenleistung für den hohen Übernachtungspreis bekomme ich dann allerdings die erste heiße Dusche seit ich vor vier Wochen Clausthal verlassen habe, eine Wohltat!

Ich Kohtla Jarve, kurz vor der russischen Grenze, habe ich noch einmal Gelegenheit, bei einer estnischen Familie zu übernachten. Vika, die Tochter der Familie hatte mich zur Herberge führen wollen, die allerdings gerade renoviert wird. Ivo, der Familienvater, ist ein Este, während Nadja, die Mutter, eine Russin ist, eine der vielen Mischehen in Estland. Das Einvernehmen zwischen Balten und Russen ist viel besser, als es uns hier in den Nachrichten erscheint. Die Probleme scheinen ausschließlich im politischen Bereich stattzufinden, kaum in den zwischenmenschlichen Beziehungen.

Noch nie zuvor bin ich auf einer meiner Reisen vor einer Straße so oft gewarnt worden, wie vor der von Tallinn nach Sankt Petersburg. Hier wird viel geraubt und gemordet heißt es, und als Tourist sei ich besonders gefährdet. Also entschließe ich mich, mich ein wenig zu tarnen. Zum ersten Mal auf meiner Reise muß ich mein Regenzeug herausholen, denn das ist grau. Alles farbige verschwindet in den Taschen. Ich bin unauffälliger geworden, dafür schwitze ich unter der Regenjacke, was unangenehm ist.

Endlich erreiche ich die Grenze. Entgegen aller anderslautenden Behauptungen ist es kein Problem, die Grenze mit dem Fahrrad zu überqueren. Ich bin endlich in Rußland!

In Rußland

Es ist bereits später Nachmittag und ich beginne gleich, nach einer Herberge Ausschau zu halten. Dabei stellt sich heraus, daß die nächste Unterkunft erst im mehr als hundert Kilometer entfernten Sankt Petersburg zu finden ist. Ich trete ordentlich in die Pedale, in der Hoffnung, doch noch etwas unterwegs zu finden. Eine alte Frau, die ich frage, spricht die deutschen Worte Mama und Papa. Sie führt mich zu einem alten Mann, zu Papa, wie sie sagt, und bietet mir an, in seinem Haus zu schlafen. Es ist ein kleines Holzhaus, das nur aus zwei Zimmern besteht. Sehr viele Russen leben in solchen Häusern. Vorräte, auch Trinkwasser stehen in großen Tongefäßen auf dem Boden. Der Steinofen wird mit Holz beheizt, für fließendes Wasser gibt es einen aufgehängter Eimer mit einem Korken im Boden, eine Toilette gibt es nicht, dafür aber elektrisches Licht und einen Schwarz-Weiß-Fernseher.

Es war ein anstrengender Tag. Ich trinke noch Tee mit dem alten Mann, der kaum ein Wort spricht, dann lege ich mich hin und falle sofort in tiefen Schlaf.

[Ortsschild Sankt Petersburgs] Am darauffolgenden Tag erreiche ich Sankt Petersburg, das ehemalige Leningrad. Das Ziel ist erreicht! Meine Bedenken, die Zeit werde nicht ausreichen, es gäbe bürokratische Hindernisse an der Grenze, oder mein Fahrrad halte nicht durch, waren unnötig. Das Rad ist schon ein bißchen altersschwach geworden, seit einer Weile knarrt und knackt es, eigentlich bräuchte es neue Pedalen und bald auch ein neues Tretlager. Auch müßte das Vorderrad seit einigen hundert Kilometern neu zentriert und die Speichen gespannt werden; ich war nur zu faul dazu, weil der Endpunkt der Reise schon so nah lag. Das wird mir nun zum Verhängnis. Ein kleiner Junge, der nicht ordentlich auf den Verkehr geachtet hat, rennt auf die Straße und tritt mir so unglücklich ins Vorderrad, das es sofort wegknickt. Niemandem ist etwas passiert, und mein Ärger legt sich schnell, da ich meinen Endpunkt Sankt Petersburg ja bereits erreicht habe. Nach 2831 Kilometern endet so meine Radreise von Clausthal-Zellerfeld im Oberharz bis in die ehemalige Hauptstadt des großen russischen Reiches.

[Verkehrsspiegel im Kreml] [Flagge und Stern auf dem Kreml] Mit der Eisenbahn fahre ich noch am selben Tag nach Moskau ab, das ich früh am nächsten Morgen erreiche. Es ist ein Sonntag, der Tag vor dem offiziellen Beginn meines Praktikums, und ich kann niemanden erreichen, der etwas mit meinem Praktikum zu tun hat oder etwas davon weiß. Zum Glück hatte ich zuvor in Clausthal eine Russin aus Moskau kennengelernt, bei der ich den ersten Tag und die erste Nacht in Moskau verbringen kann. Hotels können in Moskau extrem teuer sein, unter hundert US--Dollar ist kaum etwas zu finden.

Am Montag suche ich als erstes die Organisation IAESTE auf, die das Praktikum vermittelt hat. Hier treffe ich aber niemanden an. Also gehe ich zu dem Institut, bei dem ich mein Praktikum absolvieren soll. Als ich meine Kontaktperson endlich gefunden habe, stellt sich heraus, daß hier niemand etwas von meinem Praktikum weiß. Aber da ich schon einmal da bin, soll ich doch etwas zu tun bekommen, einen Informatikstudenten kann das Institut gut gebrauchen, heißt es. Zunächst soll ich aber etwa eine Woche warten, bis feststeht, welcher Arbeit ich mich widmen soll....

Kurz nach Mittag treffe ich auch im IAESTE-Büro jemanden an. Wie ich erfahre, ist das normal; nur zwischen 14:00 und 15:00 Uhr besteht eine reelle Chance, hier jemanden anzutreffen. Der verantwortliche IAESTE-Mitarbeiter weiß immerhin, daß er mir ein Praktikum vermittelt hat, dafür hat er aber keine Unterkunft für mich.... Als ich auf die Frage, mit welchem Flug oder Zug ich eigentlich angekommen sei, antworte, ich sei mit dem Fahrrad bis Sankt Petersburg gefahren, ernte ich mehr als erstaunte Blicke; ich werde für verrückt erklärt und wieder einmal wird mir gesagt, daß ich diese Fahrt nicht hätte überleben dürfen. So ist es immer, und so habe ich es schon 1988 erlebt: Die Menschen wissen die herzliche Menschlichkeit ihrer Mitmenschen nicht zu schätzen, wenn eine Landesgrenze zwischen ihnen liegt.

Abends fahre ich zum Flughafen, um meinen Komilitonen Maik abzuholen, der zur gleichen Zeit wie ich ein Praktikum in Moskau absolvieren will. Das hatte zum Beispiel den unschätzbaren Vorteil, daß Maik mir ein paar Dinge mitbringen konnte, die ich nicht auf dem Fahrrad transportieren wollte -- etwa zwölf Kilogramm, darunter Bücher und einige Teile meiner Photoausrüstung, wie beispielsweise mein Stativ. Da Maik so bequem war, sich des Flugzeugs zu bedienen, war ich so egoistisch, ihn hemmungslos als Packesel auszunutzen.

Zu meiner Überraschung wird Maik nicht nur von mir, sondern auch von einem Mitarbeiter seines IAESTE-Komitees abgeholt. Im Gegensatz zu mir hat er sogar eine Unterkunft, ein Zimmer in der Staatlichen Moskauer Universität. Also richte ich mich zunächst bei ihm auf dem Fußboden ein.

An der Situation soll sich nicht viel ändern. Das für mich zuständige Komitee akzeptiert meinen Schlafplatz als vollwertig und sieht keinen Anlaß, sich um Ersatz zu kümmern. Nach ein paar Tagen wird allerdings Maiks Nachbarzimmer frei, und ich kann dahin umziehen. Erst in den letzten Wochen wird es wieder besetzt, und ich schlafe wieder auf dem Boden.

Mit der Arbeit verhält es sich ähnlich. Einmal kommt eine Besprechung zustande, in der es um die Aufgaben geht, die ich erfüllen soll. Doch von da ab werde ich mit dem Auspruch vertröstet: Wir haben im Moment noch keine Daten. Kommen sie doch in etwa einer Woche wieder. Meine Arbeit besteht darin, der Arbeit hinterherzulaufen.

Allen anderen IAESTE-Praktikanten geht es ähnlich: niemand arbeitet. Dafür gibt es dann aber viel Gelegenheit, Moskau und die Moskauer kennenzulernen. Die meiste Zeit allerdings verbringen wir mit den anderen Praktikanten, die aus allen möglichen Ländern kommen. Auf einer der Parties, die wir feiern, bringen wir ganze zwölf Nationalitäten zusammen.

[Roter Platz bei Nacht]


letzte Änderungen: 17.IX.2004