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Wo lesen wir unsere Bücher?
Wo-?
Im Fahren.
Denn in dieser Position, sitzend-bewegt, will der Mensch sich verzaubern
lassen, besonders wenn er die Umgebung so genau kennt wie der Fahrgast der
Linie 57 morgens um halb neun. Da liest er die Zeitung. Wenn er aber
zurückfährt, dann liest er ein Buch. Das hat er in der Mappe.
(Enten werden mit Schwimmhäuten geboren - manche Völkerschaften
mit Mappe.) Liest der Mensch in der Untergrundbahn? Ja. Was? Bücher.
Kann er dort dicke und schwere Bücher lesen? Manche können es. Es
geht mitunter sehr philosophisch in den Bahnen zu. Im Autobus nicht so - der
ist mehr für die leichtere Lektüre eingerichtet. Manche Menschen
lesen auch auf der Straße...wie die Tiere.
Die Bücher, die der Mensch nicht im fahren liest, liest er im Bett.
(Folgt eine läangere Exkursion über Liebe und Bücher,
Bücher und Frauen - im Bett, außerhalb des Bettes...gestrichen.)
Also im Bett. Sehr ungesund. Doch - sehr ungesund, weil der schiefe Winkel,
in dem die Augen auf das Buch fallen...fragen Sie Ihren Augenarzt. Fragen
Sie ihn lieber nicht; er wird Ihnen die abendliche Lektüre verbieten,
und Sie werden nicht davon lassen - sehr ungesund. Im Bett soll man nur
leichte und unterhaltende Lektüre zu sich nehmen sowie spannende und
beruhigende, ferner ganz schwere, wissenschaftliche und frivole sowie
mittelschwere und jede sonstige, andere Arten aber nicht.
Dann lesen die Leute ihre Bücher nach dem Sonntagsessen - man kann in
etwa zwei bis zweieinhalb Stunden bequem vierhundert Seiten verschlafen.
Manche Menschen lesen Bücher in einem Boot oder auf ihrem eigenen Bauch,
auf einer grünen Wiese. Besonders um diese Jahreszeit.
Manche Menschen lesen, wenn sie Knaben sind, ihre Bücher unter der
Schulbank.
Manche Menschen lesen überhaupt keine Bücher sondern kritisieren
sie.
Manche Menschen lesen die Bücher am Strand, davon kommen die
Bücher in die Hoffnung. Nach etwa ein bis zwei Wochen schwellen sie
ganz dick an - nun werden sie wohl bald ein Broschürchen gebären,
denkt man - aber es ist nichts damit, es ist nur der Sand, mit dem sie sich
vollgesogen haben. Das raschelt so schön, wenn man
umblättert...
Manche Menschen lesen ihre Bücher in...also das muß nun einmal
ernsthaft besprochen werden.
Ich bin ja dagegen. Aber ich weiß, daß viele Männer es tun.
Sie rauchen dabei und lesen. Das ist nicht gut. Hört auf einen alten
Mann - es ist nicht gut. Erstens, weil es nicht gut ist, und dann auch nicht
hygienisch, und es ist auch wider die Würde des Dichters, der das Buch
geschrieben hat, und überhaupt. Gewiß kann man sich Bücher
vorstellen, die man nur
dort lesen sollte, Völkische Beobachter und
dergleichen. Denn sie sind hinterher unbrauchbar: so naß werden sie.
Man soll in der Badewanne eben keine Bücher lesen. (Aufatmen des
gebildeten Publikums.)
Merke: Es gibt nur sehr wenige Situationen jedes menschlichen Lebens, in
denen man keine Bücher lesen kann, könnte, sollte... Wo aber
werden diese Bücher hergestellt? Das ist ein anderes Kapitel.
Kurt Tucholsky 1930 in der Wochenschrift "Weltbühne", enthalten auch beispielsweise im Sammelband "Panter, Tiger & Co", Hamburg 1954.
letzte Änderungen: 18.II.2004
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