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Faust als Spiegel der Geschichte

Vortrag von Torsten Nieland im Rahmen der Reihe Wissenschaft, Technik und Ethik

Evangelische Studentengemeinde Clausthal, 23. Juni 2004

[Radierung von J.H. Lips (1789)]
Julius Heinrich Lips (1758 - 1817)
Faust (1789)
Radierung für Goethes Fragment (1790)
nach einem Vorbild Rembrandts
Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh' ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!
Heiße Magister, heiße Doktor gar,
Und ziehe schon an die zehen Jahr'
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum --
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als alle die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen weder Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel --
Dafür ist mir auch alle Freud' entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab' ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab' ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält....

(aus Goethe Faust I, 1808)

Wer heute Faust hört, der denkt an Goethe, und daher stand der Anfang des Goetheschen Faustmonologs durchaus zu Recht auch am Beginn des Vortrags. Doch Goethes Werk ist keineswegs die einzige Bearbeitung des Stoffes: Das älteste erhaltene Faustbuch ist etwa 425 Jahre alt, die Wolfenbüttler Handschrift, Auftragsabschrift eines noch älteren Originals. Und auch heute werden noch Faustbücher verschiedenster Genres geschrieben.

Desweiteren entstammt die Gestalt des Faust nicht der Phantasie eines Schriftstellers des ausgehenden Mittelalters, sondern Georg Faust hat tatsächlich gelebt. Faust hat von seiner Geburt an bis heute mehr als fünfhundert Jahre Geschichte durchwandelt, und das ohne größere zeitliche Lücken, denn etwa 20.000 Faustwerke soll es geben!

Damit ist Faust als Figur einzigartig! Er sollte eigentlich der berühmteste Deutsche aller Zeiten sein.

Bemerkenswert ist aber nicht nur, daß Faust die einzige Figur ist, die die europäische Geschichte der letzten fünfhunder Jahre durchwandelt hat, bemerkenswert ist vor allen Dingen, daß es das halbe Jahrtausend war, während dessen Europa die zentrale Rolle in der Weltgeschichte spielte. Bis ins vierzehnte Jahrhundert hinein wurde die große Mehrzahl technischer Erfindungen außerhalb Europas gemacht und in diesen zerklüfteten Kontinent nur hineingetragen. Im vierzehnten Jahrhundert änderte sich dies schlagartig. Europa wurde plötzlich und recht unvorbereitet zum Nabel der Welt. In das Gewitter dieser sich neu formenden Welt hinein wurde Georg Faust geboren. Die Wandlungen und Umwälzungen der Zeit warfen neue Fragen auf, in erster Linie die Fragen nach Wissenschaft und Technik einerseits und Ethik und Religion andererseits. Daß diese vier Begriffe die Welt stärker bewegten als alle anderen war zuvor nicht der Fall! An diesen Fragen entzündete sich auch die Geburt der literarischen Figur Faust, und daß diese Figur heute noch lebt bezeugt, daß die entscheidenden Fragen, die uns vom Mittelalter in die Neuzeit führten, sich zwar veränderten, aber niemals abschließend beantwortet werden konnten. Aus diesem Grunde lohnt es sich, Faust im Wandel der Geschichte zu betrachten und ihn als einen Spiegel dieser Geschichte zu verstehen, denn er ist tatsächlich unser einziger Zeuge.

Einige Beispiele für die Veränderung der Welt und damit die Erschütterung des vorherigen Weltbildes seien genannt, um besser zu verstehen, wie diese Welt zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts aussah: Der amerikanische Kontinent wurde entdeckt; das kopernikanische Weltbild fand immer mehr Anhänger; die Druckkunst verbreitete sich rasch und damit wurden Bücher erreichbar; der Humanismus löste die Scholastik ab, er brachte neben neuen Idealen auch das Griechische und das Hebräische als Lehrstoff nach Deutschland und begründete damit die moderne Theologie; sowohl nationale Bestrebungen als auch philosophisch-theologische Ideen brachten die Machtposition der Römisch Katholischen Kirche ins wanken. Diese Umbrüche gipfelten schließlich in der Reformation, die die Welt unumkehrbar veränderte.

In Deutschland - die Benennung ist mit einiger Vorsicht zu genießen, gab es doch keinen deutschen Nationalstaat und auch keine deutsche Nation, sondern ein sehr inhomogenes Gebilde aus etwa 350 Kleinstaaten, die keineswegs immer freundlich und brüderlich miteinander umgingen -, in Deutschland also brandeten die Wogen dieser Veränderungen besonders heftig gegeneinander. Dies mag auch daran liegen, daß Deutschland zu lange verschlafen nördlich der Alpen gelegen hatte und nun jäh erwachte. Diese historischen Erschütterungen brachten den Menschen Neues und Aufregendes, aber auch Unsicherheit in vielen Bereichen, denn was schon immer so war, war auf einmal anders. An dieser Unsicherheit entzündete sich auch auf ganz neue Art und Weise die Frage nach Recht und Unrecht, nach Gut und Böse. Diese Frage wird uns nun immer wieder begegnen.

Das ausgehende fünfzehnte Jahrhundert war auch eine Blütezeit der Magie. Schon im Mittelalter gab es viele Magier, dies war keineswegs ein besonders außergewöhnlicher Broterwerb. Allerdings dümpelte die Magie wie so vieles andere auch in Dunkel und Unwissenheit vor sich hin, sich als Magier einen Namen zu machen war kaum möglich, so wie es überhaupt kaum möglich war, sich durch Ideen oder Taten einen Namen zu machen, wenn dieser Name nicht bereits angeboren war. Die erwachende Wissen-Schaft trat in eine fruchtbare Wechselwirkung mit der Magie, was ihr, der Magie, eine besondere Rolle in dieser Zeit vermittelte, eine Rolle, die schon ein Jahrhundert später durch die Wissenschaft selbst wieder abgelöst war. Es kann getrost behauptet werden, daß Magier am großen Schritt der Menschheit vom Mittelalter in die Neuzeit ihren entscheidenden Anteil hatten.

Um zu verstehen, was Magie damals bedeutete, bedarf es einer Portion Phantasie - wobei ich die Phantasie sowieso als den wohl entscheidendsten Baustein aller Wissenschaft ansehe.

Realität ist, so sagt Kant, was der Erfahrung der Empfindung entspricht. Dies ist der entscheidende Grundgedanke der Kritik der reinen Vernunft, nämlich daß es unabhängig von persönlicher Erfahrung in der Welt kein Wissen geben kann. Die gleiche These hatte bereits Hume aufgestellt, daraus aber andere Schlußfolgerungen gezogen, skeptische, nicht kritische im Sinne Kants. In dem, was die Abhängigkeit von Wahrheit und Realität von der Erfahrung angeht, waren sich aber beide einig. Demnach unterliegt Realität äußeren Einflüssen, sie wandelt sich mit der Zeit und unterscheidet sich von Individuum zu Individuum. Dies ist ein entscheidender Punkt, wenn es darum geht, Geschichte verstehen zu wollen. Was heute für uns Realität und Selbstverständlichkeit ist, war dies nicht unbedingt zu anderen Zeiten und wird dies auch nicht in alle Ewigkeit sein. Wahrheit war zu Fausts Zeiten etwas anderes, als Wahrheit heute ist! Es bedarf unserer Phantasie, uns vorzustellen zu versuchen, was für Menschen vor fünfhundert Jahren wahr und real war.

Magie war zu Lebzeiten Fausts eine Realität, und zwar ebenso für das Volk in allen sozialen Schichten wie für die Kirche. Sie basierte auf dem Naturverständnis und der Wahrnehmung der Natur gemäß der Lehre des Aristoteles. Die Magie fungierte in einigen Bereichen als Vorläufer der Wissenschaft und galt auch als solche. An der Universität zu Krakau wurde Zauberei als Wissenschaft gelehrt.

Die Hauptbereiche der Magie waren

Zur Alchimie gehörte vor allen Dingen die auf Aristoteles' Lehre aufbauende Suche nach der Quintessenz, auch als Stein der Weisen oder Fünftes Element bezeichnet. Aristoteles hatte gelehrt, daß alle Dinge aus vier Essenzen bestehen, Feuer, Wasser, Luft und Erde, es gäbe aber noch eine fünfte Essenz, welche die anderen vier miteinander verbinde; erst diese Verbindung gibt allen Dingen ihre Gestalt. Gelänge es, diese fünfte Essenz zu finden, so wäre es möglich, alle Dinge in beliebige andere Dinge zu verwandeln, beispielsweise aus Eisen Gold zu machen, aus Wasser Wein oder aus einem alten und kranken Menschen einen jungen und gesunden.

[Der Alchimist von Peter Brueghel (1558)]
Peter Brueghels Alchimist aus dem Jahre 1558

Es wurde unterschieden zwischen weißer und schwarzer Magie. Die weiße Magie fand innerhalb der katholischen Kirche statt. Sie war eine Geheimwissenschaft, deren Erkenntnisse nur einem kleinen erwählten Kreis weitergegeben werden durften. Der Kabbala folgend wurde in der weißen Magie nach dem Göttlichen hinter allen Dingen gesucht. Alchimie, Astrologie und Geisterbeschwörungen gab es in der weißen wie in der schwarzen Magie.

Der 1462 in Trittenheim geborene und 1516 in Würzburg verstorbene Johannes Trithemius - diesen Nachnamen, eine Lateinisierung seiner Geburtsstadt, hatte er sich nach damaliger Humanistensitte selbst zugelegt - war ein solcher weißer Magier. Noch im Elternhaus lernte er heimlich Griechisch und Latein und bereits im Alter von zweiundzwanzig Jahren war er Abt im Kloster Sponheim. Trithemius verbindet einen sehr asketischen Katholizismus mit der weißen Magie. Alles volkstümlich Fröhliche ist ihm verhaßt, die Magie ist für ihn eine ernsthafte Sache, die großer Verschwiegenheit bedarf, um heilig und nicht profan zu sein. Dennoch gelangt Trithemius zu einigem Ruhm als Magier, und von ihm wird beispielsweise berichtet, er habe die verstorbene Gattin des Kaisers Maximilian wieder lebendig vor diesem erscheinen lassen.

Die Methoden der schwarzen Magie unterschieden sich kaum von denen der weißen, wohl aber die Menschen, die ihr nachgingen, denn schwarze Magier mußten von ihrer Kunst leben. Es mag in den Ohren meiner heutigen Zuhörer seltsam klingen, doch die schwarze Magie war vor fünfhundert und mehr Jahren ein einfacher und gängiger Beruf wie viele andere auch. Volksbelustigungen, Wunderheilungen, Teufelsaustreibungen und Wahrsagerei waren der Broterwerb vieler Menschen. Bei Hofe waren Alchimie und Astrologie sehr hoch angesehen. Und auch wenn vieles, was die schwarzen Magier verbreiteten und vollbrachten der Heilslehre der katholischen Kirche widersprach, wurden sie dennoch von der Inquisition in der Regel nicht verfolgt. Wie das Beispiel des Abtes Trithemius zeugt, verurteilte die Kirche nicht die Magie an sich, sondern daß die göttlichen Geheimnisse hinter den Dingen zu Markte getragen wurden, dies eben war unmoralisch, oder wie wir heute sagen würden einer Ethik des guten Wissens nicht entsprechend.

Daß ich nun so viel über die Magie zu Zeiten Fausts gesprochen habe, hat natürlich einen Grund, denn Georg Faust war ein solcher schwarzer Magier. Er wurde etwa im Jahre 1480 in Knittlingen im Enzkreis geboren.

Darüber, was Faust bis ins Jahr 1506 getan hat, als er etwas fünfundzwanzig Jahre alt war, ist nichts genaues bekannt. Dennoch wissen wir, daß der junge Mann damals schon eine bekannte Persönlichkeit als Magier gewesen sein muß, denn als Trithemius und er sich zufällig gleichzeitig in Gelnhausen aufhalten, einem sehr geschäftigen und hektischen Ort an der Handelsstraße zwischen Leipzig und Frankfurt am Main, ersucht der hohe Kirchenmann den volkstümlichen Magier trotz seiner allgemeinen Abneigung um eine Begegnung. Faust geht dieser Begegnung aus dem Weg; er läßt Trithemius aber eine Notiz zukommen, in der er sich als Magister Georg Sabellicus, Faust der Jüngere, Quellbrunn der Nekromanten, Astrolog, Zweiter der Magier, Chiromant, Aeromant, Pyromant und Zweiter in der Hydromantie vorstellt. Warum Faust sich hier zweimal als {\em Zweiter} Bezeichnet, ist nicht ganz klar, es wäre aber denkbar, daß es sich um eine Ehrerbietung gegenüber Trithemius handelt - oder aber auch eine Verspottung desselben.

Ein Jahr später schreibt der bekannte Heidelberger Astrologe Virdung an Trithemius. In diesen Brief erwähnt er seine große Vorfreude auf ein Treffen mit Faust, der in Kürze in Heidelberg erwartet wird. Auch dies ist ein Zeichen von Fausts Berühmtheit, sein Ruf eilt ihm voraus. Trithemius antwortet Virdung und warnt vor Faust, und zwar so eindringlich, daß das Treffen mit Virdung vermutlich nicht zustande kam.

In der Zwischenzeit, im Winter 1506/07, hatte Faust sich in Kreuznach aufgehalten. Den wandernden Magiern war sehr daran gelegen, die kalten Winter in einer festen Anstellung zu verbringen, beispielsweise als Astrologe bei Hofe. Einen solchen Posten hatte Faust in Kreuznach angestrebt, gelangte aber wohl zu spät in die Stadt, die Stelle war bereits besetzt. Stattdessen bot der Statthalter des Kurfürsten von der Pfalz, Ritter Franz von Sickingen, ihm eine Stelle als Direktor der Lateinschule an, die Faust den Winter über bekleidet. Dies ist nicht nur urkundlich belegt, sondern wird auch von Trithemius in seinem Brief an Virdung erwähnt. Ob Trithemius Worten, Faust sei im Frühjahr aus Kreuznach geflohen, nachdem er unzüchtige Spielchen mit Schulknaben getrieben habe, allerdings Glauben zu schenken ist, mag bezweifelt werden, Trithemius lag sehr daran, den schwarzen Magier in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen - schon deshalb, weil seine eigenen magischen Künste dadurch {\em weißgewaschen} wurden, denn auch sie waren nicht gefeit vor Kritik.

Wie lange sich Georg Faust in Heidelberg aufhielt und welchen Studien er vielleicht nachging, ist nicht bekannt. Aus dem Briefwechsel von Virdung und Trithemius geht lediglich hervor, daß Faust vor 1507 nicht in Heidelberg gewesen sein kann. Ein anderer Faust war allerdings schon länger in Heidelberg, nämlich ein gewisser Johannes, der seit 1505 dort studierte und schließlich 1509 als Primus unter sechzehn Kandidaten promovierte. Der elfjährige Melanchthon schrieb sich eben in diesem Jahr 1509 in Heidelberg als Student ein, er verwechselte später die beiden Fausts, was dazu führt, daß der berühmte schwarze Magier unter falschem Namen, nämlich als Johannes in die Geschichte eingeht.

Das nächste Zeugnis aus Georg Fausts Leben stammt aus dem Jahr 1513, es ist nicht auszuschließen, daß er sich in all diesen Jahren in Heidelberg aufhielt. Fest steht lediglich, daß Faust inzwischen nicht nur als Magier bekannt ist, sondern auch einige humanistische Bildung erworben haben muß. Im Jahr 1513 erreicht Faust die Stadt Erfurt, der dort lebende Humanist Rufus schreibt davon in einem Brief, in dem er ihn als den Chiromanten Georgius Faustus, den Halbgott von Heidelberg bezeichnet. Rufus beklagt sich, daß Faust sein magisches Talent an das einfache Volk verschwende und im Gasthof Anker Scharlatanerie betreibe. Dieser Brief zeigt wieder, mit welcher seltsamen Mischung aus Hochachtung gegenüber seiner Kunst und Verachtung gegenüber seiner Form der Ausübung derselben Faust von den großen Männern seiner Zeit und seines Fachs angesehen wurde.

Faust muß wohl versucht haben, in diese Kreise aufzusteigen, doch offenbar ist ihm dies nicht gelungen. Wohl aber hatte er Erfolg in Kreisen humanistischer Studenten, und so entstehen schon während seines Aufenthalts in Erfurt die ersten Legenden über den Magier, die ihn überleben sollen. So soll er mit einem breiten Heugespann durch eine Gasse gefahren sein, durch die kaum ein Mensch pa&szig;te, ein Mönch, von dem es später hieß, es sei Luther selbst gewesen, soll den Spuk beendet und das Heugespann in seine wahre Gestalt zurückverwandelt haben, zwei Hähne mit einem Strohhalm im Schnabel. In einer anderen Legende läßt Faust die Figuren der griechischen Mythologie, allen voran Helena, vor begeisterten Studenten erscheinen. Es sei hier noch einmal erwähnt: Solche Zaubertricks waren damals durchaus nicht unüblich und waren für die Menschen der damaligen Zeit Realität, auch für die gebildeten unter ihnen. In einem ähnlichen Studentenkreis soll Faust Wein aus einem Tisch haben laufen lassen und Reben daraus erwachsen, und wieder ein anderes Mal, so heißt es, sei er auf einem Fasse aus einem Weinkeller herausgeritten. Teile dieser Legenden kommen uns aus Goethes Faust bekannt vor, vor allen Dingen aus der Szene Auerbachs Keller in Leipzig, auch wenn Georg Faust Leipzig vielleicht niemals betreten hat und Auerbachs Keller zu Fausts Lebzeiten noch gar nicht existierte.

Die restlichen heute bekannten Stationen des Lebens des Magiers Georg Faust seien hier nur flüchtig skizziert: Im Winter 1519/20 hielt er sich als Astrologe des Schenks von Limburg, Georg III, in Bamberg auf und wurde für ein Horoskop großzügig entlohnt. 1521 hält er sich abermals in Erfurt auf, doch die Reformation hat inzwischen stattgefunden und das Land ist in Unruhe, dies scheint dem Magier einiges seiner Popularität zu nehmen, das Volk hat andere Sorgen. Von neuen Legenden um den schillernden Mann aus dieser Zeit ist daher nichts bekannt. Überhaupt werden die Informationen immer spärlicher. Im Jahr 1528 zeichnet der Prior Leib im Kloster Rebdorf den Besuch Fausts in seinen peinlich genauen Notizen auf, was davon zeugt, daß Faust immer noch einen weitreichenden Ruhm oder mindestens Ruf genossen haben muß, im gleichen Jahr allerdings wird er aus Ingolstadt ausgewiesen, vier Jahre später aus Nürnberg. Nun verliert sich die Spur des Magiers, bekannt ist lediglich noch, daß er etwa 1534 einem Amerikafahrer ein Horoskop erstellt haben muß, das dieser später in einem Brief erwähnt, denn es habe in allen Punkten zugetroffen. Gestorben soll Georg Faust zwischen 1536 und 1540 in Staufen im Breisgau sein, doch für den Wahrheitsgehalt dieser Information spricht schon nur noch die ausgesprochen häufige Erwähnung dieses angeblich spektakulären Todes durch Zeitgenossen Fausts.

Es sind also nicht viele Daten, die uns gesichert über Georg Fausts Leben erhalten sind (wirklich verbrieft sind von diesen zwölf sogar nur neun), hier seien sie noch einmal kurz aufgelistet:

Schon sehr bald nach seinem wahrscheinlichen Tod taucht Faust in zahlreichen Büchern über Zauberei und Magie auf, zum Beispiel bei Melanchthon und in den Tischreden Luthers, um nur zwei bekannte Namen zu nennen. Bücher dieser Art - in ihrer großen Mehrzahl moralischer Art - waren seit dem vierten Laterankonzil im Jahre 1215 zahlreiche erschienen, denn damals war es jedem Christen zur Pflicht gemacht worden, mindestens zweimal im Jahr zur Beichte zu gehen. Anfang der siebziger Jahre verfaßte Roßhirt vier Faustgeschichten, die er seiner Ausgabe der Tischgespräche Luthers beifügte.

Kurz darauf schrieb ein unbekannter Verfasser die Historia von D. Johann Fausten. Das Original ist verloren, es gibt lediglich eine Kopie, die ein Auftragsschreiber bald darauf anfertigte. Diese Kopie gelangte ein gutes halbes Jahrhundert später in den Besitz der Herzöglichen Bibliothek in Wolfenbüttel und ist seither als die Wolfenbütteler Handschrift bekannt. Ich selbst hatte die seltene Ehre, in diesem einmaligen Original blättern zu dürfen - ein erhebendes Erlebnis, das kann ich Ihnen versprechen!

[Titelblatt]
Titelblatt des Volksbuches von 1587

Auf dem gleichen Urtext beruhend gab der Verleger Spies die Historia, die häufig (literaturwissenschaftlich allerdings nicht ganz korrekt) als das Volksbuch vom Doktor Faust bezeichnet wird, gedruckt heraus, sie erschien zur Frankfurter Buchmesse im Herbst 1587. Bereits ein Jahr später erschien eine englische Übersetzung dieses Buches - ein Glücksfall für die Figur des Faust, die Literatur und auch für mich, denn sonst wäre dieser Vortrag wohl bereits an dieser Stelle zu Ende oder hätte vielmehr gar nicht erst stattgefunden.

Doch kehren wir vorerst zum Volksbuch zurück: Literaturhistorisch handelt es sich um etwas ganz Neues, nämlich um einen Vorläufer des historischen Romanes. So etwas hatte es bis dato noch nicht gegeben; wohl gab es Geschichten historischer Persönlichkeiten und Legenden und Sagen, aber eine komplette und romanhaft geschilderte Lebensgeschichte gab es vorher wohl noch nicht. Die Intention des Verfassers war allerdings eine andere: Die Leser sollten den Inhalt glauben, sollten ihn für wahr halten, so wie Fausts Zaubertricks für sein Publikum Wahrheit waren. Um seine Geschichte - Historia - im Sinne des Wortes wahr-scheinlicher zu machen, erfindet er ein lateinisches Original, das es nie gegeben hat, sowie hinterlassene Notizen aus Fausts Hand, darunter den mit Blut unterzeichneten Vertrag mit dem Teufel namens Mephostophiles.

Georg Faust wurde in der Zeit vor der Reformation zum berühmten Magier, und genau diese Zeit spiegelt sein Leben wider. Der Faust, der dem Leser im Spies-Buch begegnet, ist allerdings schon ein Faust der Zeit nach der Reformation. Der Verfasser ist ein streng orthodoxer Anhänger Luthers, der Zauberei und Magie jeder Art als Teufelswerk verurteilt hatte, also auch weiße Magier wie Trithemius. Es ist interessant, daß Faust hier unter vielen anderen auch Legenden untergeschoben werden, die zu dessen Lebzeiten seinem Feind Trithemius nachgesagt wurden.

Das Spies-Buch, das dem Leser eine wahre Geschichte vermitteln und vor der Magie und der Macht des Teufels sehr ernsthaft warnen sollte, wurde zahlreiche Male überarbeitet, erweitert und auch gekürzt - zu erwähnen sind hier Widmann (1599), Pfitzner (1674) und ein sogenannter Christlich Meinender (1725) -, wobei sich die wahre Geschichte immer mehr zur Sage entwickelt. Schon zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts ist Faust eine Sagengestalt. Seine große Popularität verdanken sowohl die Gestalt dieses berühmten Deutschen als auch das Volksbuch aber einem Engländer.

Christopher Marlowe ist eine der interessanten und auch tragischen Schriftsteller, die in dieser Geschichte vorkommen. Er wurde im Jahre 1564 als Sohn eines Schuhmachers geboren. Sein Studium in Cambridge finanzierte sich der talentierte junge Mann mittels Stipendien, um dann in die Niederlande zu gehen, wo er als Spion tätig war. 1587 schrieb er sein erstes Theaterstück, Tumberlaine the Great. Schon in diesem Stück geht es darum, daß jeder Mensch tun soll, wozu er befähigt ist, unabhängig von Geburt und Gesetz; Marlowes eigenes Schicksal zeigt sich hier. 1588 las er die just erschienene Übersetzung des Spies-Buches und begann noch im gleichen Jahr das Drama The Tragical History of Doctor Faustus zu schreiben. Das Stück beginnt mit einem Monolog Fausts, in welchem er beklagt, daß seine Wißbegier durch herkömmliche Mittel nicht zu befriedigen ist; dieser Marlowesche Monolog soll der Figur des Faust fortan angehaftet bleiben, Marlowe macht Faust damit vom Magier zum Wissenschaftler:

[Marlowe, Titel von 1616]
Titelabbildung zu Marlowes Faust
aus der Ausgabe von 1616
Setz' ab mal vom Studieren, Faust, und schaue
In diese Tiefe, die du willst ergründen!
Des Doktors wegen heiß nur Theolog,
Doch nach dem Ziele jeder Weisheit streb'
Und leb' und stirb im Aristoteles.
Oh süße Analytik, meine Wonne!
Bene disserere est finis logices.
Gut disputieren ist der Logik Krone?
Kann diese Kunst kein größres Wunder bieten?
Dann lies nicht mehr: die Krone ist gewonnen!
Nach einem höhern Geist fragt Faustus' Geist.
Fahr hin, Philosophie! Galen, komm her!
Sei denn ein Arzt, Faust, häufe Gold zusammen
Und werd' ein Gott für eine Wunderkur!
Summum bonum medicinae sanitas.
Gesundheit ist der Heilkunst letztes Ziel --
Wie, Faustus, hast du nicht dies Ziel erreicht?
Hängen nicht deine Recipes zum Denkmal
In mancher Stadt, die sie der Pest entrissen
Und retteten aus tausend grimmen Seuchen?
Und bist doch nur der Faustus und ein Mensch!
Könnt'st du den Menschen ew'ges Leben spenden,
Die Toten wieder aus den Gräbern wecken,
Dann wäre diese Kunst noch etwas wert.
Leb' wohl, Arznei! Wo ist Justinian?
Si una eademque res legatur duobus
Alter rem, alter valorem rei --
O armer Fall von ärmlichen Legaten!
Exhereditare filium non potest pater, nisi --
Ist dies der Inhalt der Institutionen,
Ist dies das ganze große Corpus Juris?
Das Studium ist für einen Lohnknecht gut,
Der nur nach fremdem Wegwurf lüstern ist,
Für mich zu sklavisch, zu illiberal!
Da bleibt zuletzt das erste doch das beste!
Die Bibel Hieronymi -- laß sehn!
Stipendium peccati mors est -- ha, stipendium!
Der Lohn der Sünd' ist Tod -- ei, das ist hart!
Si peccasse negamus, fallimur,
Et nulla est in nobis veritas --
Wenn einer sagt, er habe keine Sünde,
Der täuscht sich, und in ihm ist keine Wahrheit --
Das heißt denn doch: wir müssen sündigen
Und demzufolge sterben,
Ja, müssen sterben einen ew'gen Tod.
Das nenn' ich mir 'ne Weisheit! Qui sera, sera --
Was nie wird, wird sein, Bibel leb denn wohl!
Die Metaphysika der Zauberei,
Die Nekromantenbücher, die sind himmlisch!
Die Linien, Kreise, Lettern, Charaktere,
Die sind's, wonach am meisten mich verlangt.
O welche Welt der Wonne, des Genusses,
Der Macht, der Ehre und der Allgewalt,
Ist hier verheißen einem treuen Jünger!
Was zwischen beiden Polen sich bewegt,
Ist mir gehorsam; Könige und Kaiser
Sind Herren, jeder nur in seinen Gauen;
Doch wer es hier zum Herrscher bringt, des Reich
Wird gehn, soweit der Geist des Menschen reicht.
Ein guter Zauberer ist ein halber Gott -
Hier gilt's zu grübeln um ein Himmelreich.

(aus Christopher Marlowe The Tragical History of Doctor Faustus, 1589, deutsch von Wilhelm Müller)

Wieder hat Faust von Spies zu Marlowe eine entscheidende Veränderung erfahren: War der Spiessche Faust dem Teufel verfallen, weil er sich mit der Theologie nicht zufriedengab, sondern auch alles mögliche andere Wissen erwarb, beispielsweise in der Medizin - beachten Sie, das Wissen ist hier dem Glauben entgegengesetzt, das Wissen bereits ist teuflisch -, so verschreibt sich Marlowes Faust der Magie und damit dem Teufel, weil alles gute erworbene Wissen ihn doch nicht befriedigen kann, weil er also über das ihm auf natürliche Weise erwerbbare Wissen hinauswachsen will. Wissen an sich ist nicht mehr böse, aber verführerisch und gefährlich.

Auch diese Faustfigur ist in ihrer Geschichte verwurzelt. Die anglikanische Hochkirche hatte sich von Rom getrennt, die Staatskirche war ebenso gegen Rom eingestellt wie der Staat an sich in seinem Weltmachtsanspruch gegen das römisch-katholische Spanien. Andererseits waren die Protestanten durch Heinrich VIII verjagt worden. Das England Marlowes und seines Fausts ist auch was die Wissenschaft angeht im Umbruch, die alten Lehrmethoden Oxfords werden bezweifelt, neue auf Erfahrung fußende Methoden der Erringung von Wissen bahnen sich an und beginnen sich durchzusetzen, sie werden sich in den Schriften Sir Francis Bacons (1561 - 1626) manifestieren. Und noch etwas ist grundlegend anders an diesem Doktor Faustus: Marlowe ist Dichter und liebt seine Figur, wenn er sie auch dem Teufel anheimgibt.

Im Jahre 1594 wurde Christopher Marlowe wegen Atheismus verhaftet. Kurz nach seiner Freilassung im gleichen Jahr fand der Dichter im Alter von nur dreißig Jahren seinen Tod bei einem Wirtshausstreit. Sicherlich hat der Sohn eines Schuhmachers nicht geahnt, welche Zukunft dem von ihm zur dramatischen Figur erhobenen Faust durch sein Werk noch bevorstand.

Das Drama gelangte in England sofort zur Aufführung, und zwar lange, bevor es erstmals gedruckt erschien. Wandernde englische Schauspieltruppen, die damals das europäische Festland bereisten, brachten das Stück wieder nach Deutschland, die erste urkundlich belegte Aufführung fand bereits 1608 statt. Nun hielten, wie es für die damaligen Wandertheater nicht verwunderlich ist, Kasperle und andere volkstümliche Figuren Einzug in das Stück. Neben den Wandertheatern nahm sich auch das Puppenspiel des Dramas an, nebst Kasperle und Konsorten, und so wurden komische Elemente ein tragender Bestandteil des Volksschauspiels mit Namen Faust. Die große Popularität der Figur des Doktor Faust und die Tatsache, daß diese bis heute überliefert wurde, verdankt sich diesem Volksschauspiel - mit dem historischen Georg Faust hatte sie nicht mehr allzuviel gemein, er war in Vergessenheit geraten, und auch das Volksbuch war zur Sage geworden.

Leider gibt es keine Textaufzeichnungen der Theater aus dieser Zeit, lediglich Theaterzettel und andere Ankündigungen verraten, wie beliebt und bekannt der Doktor Faustus geworden war. Erst 1846, also nach Goethe, unternimmt Karl Simrock den ersten ernsthaften und wohlstudierten Versuch, das Puppenspiel zu rekonstruieren. Der Faustsche Monolog liest sich bei ihm wie folgt:

So weit hab ich's nun mit der Gelehrsamkeit gebracht,
Daß ich allerorten werd' ausgelacht.
Alle Bücher durchstöbert von vorne bis hinten
Und kann doch den Stein der Weisen nicht finden.
Jurisprudenz, Medizin, alles umsonst,
Kein Heil als in der nekromantischen Kunst.
Was half mir das Studium der Theologie?
Meine durchwachten Nächte, wer bezahlt mir die?
Keinen heilen Rock hab ich mehr am Leibe
Und weiß vor Schulden nicht, wo ich bleibe.
Ich muß mich mit der Hölle verbünden
Die verborgenen Tiefen der Natur zu ergründen.
Aber um die Geister zu zitieren,
Muß ich mich in der Magie informieren.

(aus Karl Simrock Faust - Das Puppenspiel, 1864)

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