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Philosophie an der TU Clausthal

[Torsten Nieland] Die Veranstaltung wird im Wintersemester 2007/2008 vom Lehrbeauftragten Torsten Nieland gehalten. Das semesterübergreifende Thema lautet:

Philosophie im Alltag

Warum ist Philosophie ein geistiges Betätigungsfeld für jedermann? Welche Bedeutung kann die Philosophie im Alltag erlangen? Wie kann Philosophie in schwierigen Lebenssituationen zu einer Hilfe werden? Und welche Risiken bringt das Philosophieren mit sich? Diese Fragen sollen gestellt und gemeinsam soll nach Antworten gesucht werden.

Folgende Literatur wird das Semester auszugsweise begleiten:

Es ist nicht nötig, diese Bücher anzuschaffen, wenngleich ihre Lektüre auch empfehlenswert ist.

Die Veranstaltung findet immer montags ab 17.00 Uhr im Raum 321 des Hauptgebäudes der TU statt.

Eine gesonderte Veranstaltung am Samstag, 19. Januar, ab 10.00 Uhr im Raum 321 des Hauptgebäudes der TU wird sich mit dem Thema Bedürfnisse beschäftigen. Sie kann auch unabhängig von der Vorlesung besucht werden.

Ansprechpartner: T. Nieland, Raum 318-320, Hauptgebäude


In der Veranstaltung werden jeweils einzelne Texte aus den oben genannten Büchern besprochen und diskutiert, die teilweise für sich allein stehen und einen nicht zwingend regelmäßigen Besuch der Veranstaltung ermöglichen. Kopien werden zum Selbstkostenpreis in der Vorwoche verteilt oder können in meinem Büro abgeholt werden. Auf dieser Seite werde ich jeweils ankündigen, welcher Text zur Diskussion steht. (Die Angaben erfolgen in der Form "Verfasser Kapitel"). Gegebenenfalls werde ich auf dieser Seite auch eine kurze Zusammenfassung des Besprochenen liefern.


5.XI.2007:
Vorstellung des Themas und der Bücher

Diese Veranstaltung soll ganz bewußt nicht die Form einer klassischen Vorlesung haben, bei der der Lehrende in monologischer Form doziert; es geht nicht vordergründig darum, Wissen zu vermitteln oder philosophische Systeme darzustellen. Ziel ist es vielmehr, mittels der jeweiligen Texte Inspirationen wachzurufen, zum Denken und Nachdenken zu verleiten, in Diskussionen zu geraten und somit den Blick auf die Welt, das Leben und das Selbst zu erweitern. Philosophie soll hier einmal ganz im Sinne Hadots als Geistesübung ganz analog einer Leibesübung verstanden werden, die der Selbstgestaltung dient, womit wir uns sowohl Schmids Verständnis des Lebens als Kunstwerk als auch der Frage annähern, was eigentlich unter Philosophie im Alltag verstanden werden soll. In der Diskussion aufgeworfene Fragen werden Anlaß zu gelegentlichen Exkursen in der jeweiligen Folgeveranstaltung liefern. Desweiteren besteht die Möglichkeit, mittels Referaten den thematischen Bogen der Vorlesung zu erweitern.

Die drei für dieses Semester ausgewählten Bücher nähern sich auf sehr verschiedene Weise den in der Ankündigung der Veranstaltung gestellten Fragen an.

Pierre Hadot beleuchtet einige der großen philosophischen Richtungen und ihre Protagonisten in Hinblick auf eine Philosophie nicht als systematische Lehre, sondern als geistige Übung zur Welterkenntnis und Selbstfindung. Dies sei, so Hadot, der eigentliche Sinn von Philosophie, und ebenso sei diese auch bis zu den großen Systematikern in der Neuzeit verstanden worden. Philosophie als Lebensform bedeutet demnach eine übende Anwendung der Philosophie auf das eigene (alltägliche) Leben

Wilhelm Schmid rollt das Panoramabild von der anderen Seite her auf: Das Leben mit all seinen Ausgestaltungen kann als großes Kunstwerk verstanden werden; es zu leben heißt Bildhauer an sich selbst zu sein, von den großen Ideen bis zu den kleinen alltäglichen Gewohnheiten. Schmid stellt heraus, wie relevant eine so verstandene Lebenskunst gerade hinsichtlich der Individualisierung der Gesellschaft geworden ist, die die Moderne und sogenannte Postmoderne mit sich gebracht haben. Welche Philosophie aber - welche geistige Kunstrichtung - kann hinter solch einer Gestaltung des (alltäglichen) Daseins stehen, dies ist die Frage nach einer Philosophie der Lebenskunst.

George Steiner schließlich widmet sich der Frage, die sein Buchtitel deutlich ausspricht: Warum Denken traurig macht oder jedenfalls machen kann, eine Erfahrung, die wohl jedem Menschen bekannt sein dürfte, der einmal in den Sog des Zweifels geraten ist. Die Philosophie kann eine Lebenshilfe sein, ein Retter in der Not der Verzweiflung oder Trostlosigkeit - davon soll in diesem Semester in der Vorlesung Philosophie die Rede sein. Die Philosophie kann ein Quell von Freude sein, aber auch ein Quell von Melancholie - das ist das Risiko des Unterfangens, sich im (alltäglichen) Dasein dem Denken hinzugeben. In zehn Essays gibt Steiner mögliche Antworten.

Ich habe die drei Bücher vor allen Dingen aus einem Grunde für diese Veranstaltung ausgewählt: Ihre Lektüre ist phaszinierend! Sie ist phaszinierend, weil, obschon es sich um Philosophiebücher handelt, der Alltag Gegenstand dieser Bücher ist, weil der Leser sich in ihnen wieder- und angesprochen findet - weil die Gedanken und Ideen, zu denen diese Texte anregen, uns etwas angehen!

Bildbetrachtung des Bildes Exkursion in die Philosophie von Edward Hopper


Edward Hopper Excursion into Philosophy (1959).

[Die stichwortartigen Ergebnisse der Stunde seien hier zunächst nicht angegeben, um Ihnen als Betrachter nicht mit Worten den Weg in dieses Bild zu verstellen.]

Diese Bildbetrachtung als gedankeninspirierenden Text an den Anfang der Veranstaltung zu stellen ist Schmids Buch entnommen, das ebenfalls mit der Betrachtung dieses Gemäldes beginnt und das, so der Autor im Vorwort, als eine Interpretation dieses Kunstwerks angesehen werden könnte.


12.XI.2007:
Diskussionsgrundlage:
Hadot Altertum (1)

Einstieg in den Text nebst einigen Erklärungen
Erläuterungen zur Philosophie und dem Leben in den philosophischen Schulen der Stoiker und der Epikureer
Einiges zum Eingang griechischer Philosophenpraxis in das Frühchristentum
Diskussion um den bei Hadot genannten Freundschaftsbegriff


19.XI.2007:
Exkurs:
Was hat die Philosophie der Antike mit dem ((post)modernen) Alltag zu tun?

[...]


Die sokratische Elenktik. Abbildung: dtv-Atlas Philosophie. München 1991.


26.XI.2007:
Exkurs:
Goethes Faust als Bindeglied zwischen Altertum und Moderne

Zum Beginn der Veranstaltung wurden einige wenige Zitate aus Goethes Faust als ein zweiter Blickwinkel auf die Verbindung der antiken Philosophie mit dem ((post)modernen) Alltag genannt.

Diskussionsgrundlage:
Hadot Altertum (2)

Im Text widmeten wir uns dem Unterkapitel Reden lernen, also der Rolle von Monolog, Dialog und Diskussion zur Wahrheitsfindung respektive Welt- und Selbsterkenntnis, sowie der Annäherung und Eingliederung in die jeweilige Gesellschaft oder Gruppe mittels der Sprache.


3.XII.2007:
Diskussionsgrundlage:
Hadot Altertum (3)

Bei der dritten und letzten Beschäftigung mit diesem Text ging es um das Unterkapitel Sterben lernen, den philosophischen Umgang mit dem Tod, darum, mit der Tatsache des Todes umgehen zu lernen ebenso wie um die Rolle und Bedeutung des Todes für die Philosophie und das Denken im Allgemeinen. Heideggers These, das menschliche Leben habe gerade die rechte Länge, um es bewuß und geistig erfüllt leben zu können, wird erläutert und die Frage diskutiert: Ermöglicht erst das Bewußtsein des Todes ein Bewußtsein des Lebens?

Hausaufgabe: Bringen Sie acht Bedürfniskategorien in ein Schema. Entstehen soll in folgenden Diskussionen ein Modell menschlicher Bedürfnisse, das über ein bekanntes herkömmliches Modell hinausgehen soll.


10.XII.2007:
Exkurs:
Die mittelalterliche Universität

Aufbauend auf die Diskussion der vergangenen Woche wurde ein schlichtes Modell der mittelalterlichen Universitäten vorgestellt, wie sie ab dem 12. Jahrhundert in Europa entstanden.

Diskussionsgrundlage:
Schmid Zum Ort der Lebenskunst in der Geschichte der Philosophie (1)

Vom Altertum bis zur französischen Aufklärung


17.XII.2007:
Diskussionsgrundlage:
Schmid Zum Ort der Lebenskunst in der Geschichte der Philosophie (2)

Von der Aufklärung bis zur Moderne


7.I.2008:
Exkurs:
Kurze Zusammenfassung des bisherigen Stoffes nebst drei Zitaten

Genieße mäßig Füll und Segen;
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.
Dann ist Vergangenheit beständig,
Das Künftige voraus lebendig,
Der Augenblick ist Ewigkeit.

(Aus Johann Wolfgang Goethe: Vermächtnis).

Sind doch alle Ordnungen der Menschen darauf eingerichtet, daß das Leben in einer festgesetzten Zerstreuung der Gedanken nicht gespürt werde.
(Aus Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen).

Ich war in die Gegenwart eingeschlossen, wie Helden oder Berauschte; im Augenblick völlig ausgelöscht, warf meine Vergangenheit nicht länger mehr jenen Schatten ihrer selbst vor mich hin, den wir Zukunft nennen; da ich den Zweck meines Lebens nicht länger in der Verwirklichung der Träume jener Vergangenheit, sondern in der Beseligung der gegenwärtigen Minute sah, ging mein Blick über sie nicht hinaus.
(Aus Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Band II)).

Diskussionsgrundlage:
Schmid Kunst und Lebenskunst: Das Leben als Kunstwerk (1)

Einstieg in das Thema: Das Leben als Kunstwerk oder Die Kunst, zu leben. Folgende Fragen werden aufgeworfen und diskutiert: Ist jedes Leben oder jedenfalls jedes menschliche Leben ein Kunstwerk? Wo wäre eine (zweifellos fließende) Grenze zwischen Kunst und Handwerk zu veranschlagen? Welche Charakteristika liegen dem Begriff der Entscheidung zugrunde. Welchen Einfluß hat die Erziehung auf die Entscheidungsfähigkeit eines Individuums?


14.I.2008:
Diskussionsgrundlage:
Schmid Kunst und Lebenskunst: Das Leben als Kunstwerk (2)

Nachdem sich die Veranstaltung der vergangenen Woche - auf's angenehmste - ein wenig verlor in der Frage, was unter Kunst zu verstehen und wo die Grenzen derselben zu setzen seien, soll nun im weiteren Verlauf der Vorlesung zunächst der von Schmid eingeführte Begriff als Diskussionsgrundlage dienen.

Schmid geht aus vom Kunstbegriff des 20. Jahrhunderts, der sich nicht mehr ausschließlich und meistens nicht einmal vorrangig auf das Werk, also das Ergebnis richtet, sondern vielmehr auf den Prozeß des Kunstschaffens, der selbst schon Kunst sei, manchmal sogar ganz ohne ein dabei entstehendes Werk. Im Extremfall - Schmid nennt Beispiele - kann Kunst dann sogar ein Geschehenlassen sein, allerdings muß es sich, um Kunst zu sein, um ein bewußtes und gewolltes Geschehenlassen handeln. Damit wäre einer der Streitpunkte - dieser Begriff sei hier gänzlich positiv belegt - der vergangenen Woche der gegebenen Definition gemäß beigelegt: Auch dem Geschehenlassen muß eine bewußte Wahl [S. 72] zugrunde liegen. Die Haltung der Indifferenz ist keine Kunst. [S. 78] Dem Bewußten und Gewollten hinzu gesellt sich die von Schmid an mehreren Stellen geforderte Aktivität, schon bei der Definition von Lebenskunst, die er gibt: Lebenskunst sei, so Schmid, eine fortwährende Arbeit der Gestaltung des Lebens und des Selbst. [S. 72] Kurz zuvor heißt es: Wenn das Leben sich nicht verlieren soll, dann ist ihm Gestalt zu verleihen. [S. 71] Die Begriffe Gestalt verleihen und Arbeit seien hier betont.

Ein solcher moderner Kunstbegriff, der mehr auf den Akt des Schaffens denn auf das Werk sieht, kann also auch der Lebenskunst zugrundegelegt werden, sofern die bewußte Wahl, das Wollen und die aktive Realisierung den Schaffensprozeß initiieren und begleiten. Wie in der modernen Kunst, so kann natürlich auch in der Lebenskunst ein greifbares Kunstwerk am Ende des Schaffensprozesses stehen. Offen bleibt noch immer die Frage der vergangenen Woche, was der Lebenskünstler zu tun habe, nachdem er sein Kunstwerk als vollendet betrachte, nicht aber sein Leben.

In der Ankündigung des zweiten Teiles dieser Vorlesung hieß es, es solle nicht nur vom Leben als Kunstwerk, sondern auch von der Kunst, zu leben die Rede sein. Daß beides miteinander verknüpft werden kann, deutet Schmid an, wenn er von einer Anwendung von Kunst auf's Leben [S. 73] spricht; in späteren Kapiteln seines Buches geht er näher und konkreter darauf ein.

[...]


19.I.2008:
Gesonderte Veranstaltung zum Thema Bedürfnisse

Die Veranstaltung wird mit einer Denkaufgabe beginnen, die vorab bereits an dieser Stelle bekanntgegeben sein soll:

Die folgende Abbildung zeigt in möglichst ungeordneter Form acht Kathegorien von Bedürfnissen, ungeordnet, um Ihre Inspiration und die Wege Ihrer Gedanken sowenig wie möglich zu beeinflussen. Unterhalb der Abbildung findet sich (in alphabetischer Reihenfolge) eine vage Definition dessen, was unter den einzelnen Kathegorien zu verstehen sei. Aufgabe ist es nun, diese Bedürfniskathegorien in einen Sinnzusammenhang zu bringen und diesen in irgendeiner Form darzustellen. Nach welchen Kriterien - etwa Prioritäten, Abhängigkeiten, Widersprüchen, Inklusionen, etc. - dieser Sinnzusammenhang geschaffen werden kann, bleibt jedem zunächst selbst überlassen und soll im Laufe der Veranstaltung diskutiert werden.


Acht Bedürfniskathegorien - ungeordnet.

Definition der Bedürfniskathegorien (in alphabetischer Reihenfolge):


21.I.2008:
Diskussionsgrundlage:
Schmid Anthropologie und Lebenskunst: Die Gestalt des Menschen


28.I.2008:
Diskussionsgrundlage:
Schmid Die Widerspruchsstruktur der Freiheit und der Begriff der Lebensführung


4.II.2008:
Diskussionsgrundlage:
Schmid Das Problem des Kapitalismus und die Frage des Eigentums


Technikethik.net

letzte Änderungen: 28.I.2008


Liebe Besucherin, lieber Besucher,
das Erstellen von Web-Seiten kostet Arbeit, eine Menge Zeit und manchmal sogar Geld. Wer Seiten ins Netz stellt, möchte selbstverständlich, daß dieser Aufwand nicht umsonst war, und so freue ich mich natürlich, wenn Sie von den dargestellten Informationen etwas weiterverwerten können. Dies sei Ihnen hiermit ausdrücklich gestattet, ich bitte aber als Entlohnung um eine korrekte Nennung des Urhebers sowie bei Verwendung im Internet um einen verweisenden Link auf meine Seite.
Danke.

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