Der Geist der Oberflächlichkeit
Auszug aus Kapitel II Kulturhemmende Umstände in unserem wirtschaftlichen und geistigen Leben des Buches Kultur und Ethik von Albert Schweitzer, erstmals erschienen unter dem Titel Kulturphilosophie im Jahre 1923
Seit zwei oder drei Generationen leben so und so viele Individuen nur noch
als Arbeitende und nicht mehr als Menschen. Was im allgemeinen über die
geistige und sittliche Bedeutung der Arbeit gesagt werden kann, trifft für
sie nicht mehr zu. Die gewöhnliche Überbeschäftigung des modernen
Menschen in allen Gesellschaftskreisen hat zur Folge, daß das Geistige in
ihm verkümmert. Indirekt wird er schon in seiner Kindheit davon betroffen.
Seine Eltern, in dem unerbittlichen Arbeitsdasein gefangen, können sich ihm
nicht in normaler Weise widmen. Damit kommt etwas für seine Entwicklung
Unersetzliches in Wegfall. Später, selbst der Überbeschäftigung
unterworfen, verfällt er mehr und mehr dem Bedürfnis nach äußerlicher
Zerstreuung.
Die ihm bleibende Muße in der Beschäftigung mit sich selbst oder in
ernster Unterhaltung mit Menschen oder Büchern zu verbringen, erfordert
eine Sammlung, die ihm schwer fällt.
Absolute Untätigkeit, Ablenkung von sich selbst und Vergessen sind ein
physisches Bedürfnis für ihn. Als ein Nichtdenkender will er sich
verhalten. Nicht Bildung sucht er, sondern Unterhaltung, und zwar solche,
die die geringsten geistigen Anforderungen stellt.
Die Mentalität dieser vielen Ungesammelten und Sammlungsunfähigen wirkt auf alle Organe zurück, die der Bildung und damit der Kultur dienen sollten. Das Theater tritt hinter dem Vergnügungs-- oder Schaulokale zurück und das gediegene Buch hinter dem zerstreuenden. Zeitschriften und Zeitungen haben sich in steigendem Maße in die Tatsache zu finden, daß sie alles nur in der leichtestfaßlichen Form an den Leser heranbringen dürfen. Der Vergleich des Durchschnitts der jetzigen Tagespresse mit der vor fünfzig oder sechzig Jahren läßt erkennen, wie weit sie sich in diesem Sinne umwandeln mußte.
Einmal mit dem Geiste der Oberflächlichkeit erfüllt, üben die Organe, die das geistige Leben unterhalten sollten, ihrerseits eine Rückwirkung auf die Gesellschaft aus, die sie in diesen Zustand brachte, und drängen ihr die Geistlosigkeit auf.
Wie sehr die Gedankenlosigkeit dem modernen Menschen zur zweiten Natur geworden ist, zeigt sich in der Geselligkeit, die er pflegt. Wo er mit seinesgleichen ein Gespräch führt, wacht er darüber, daß es sich in allgemeinen Bemerkungen halte und sich nicht zu einem wirklichen Austausch von Gedanken entwickele. Er hat nichts Eigenes mehr und wird von einer Art Angst beherrscht, daß Eigenes von ihm verlangt werden könnte.
Der Geist, den die Gesellschaft der Ungesammelten hervorgebracht hat, tritt als eine stetig wachsende Macht unter uns auf. Eine herabgesetzte Vorstellung vom Menschen bildet sich unter uns aus. An den andren und an uns suchen wir nur noch Tüchtigkeit des Arbeitenden und finden uns darein, darüber hinaus fast nichts mehr zu sein.
In Bezug auf Unfreiheit und Ungesammeltheit haben sich die Lebensbedingungen für die Menschen der Großstädte am ungünstigsten gestaltet. Dementsprechend sind sie geistig am meisten gefährdet. Waren Großstädte jemals Kulturzentren in dem Sinne, daß in ihnen das Ideal eines als geistige Persönlichkeit gediegenen Menschen entstand? Heute jedenfalls liegen die Dinge so, daß die wirkliche Kultur vor dem Geiste, der von den Großstädten und den Großstadtmenschen ausgeht, gerettet werden muß.
Zu der Unfreiheit und Ungesammeltheit des modernen Menschen kommt als weitere psychische Hemmung der Kultur seine Unvollständigkeit hinzu. Die ungeheure Ausdehnung und Steigerung des Wissens und Könnens führt mit Notwendigkeit dazu, daß die Betätigung des Einzelnen immer mehr auf ein bestimmtes Gebiet beschränkt wird. Es findet ein Organisieren der Arbeit statt, bei dem die durch Spezialisierung ermöglichten Höchstleistungen der Einzelnen zusammenwirken. Die erzielten Resultate sind großartig. Aber die geistige Bedeutung der Arbeit für den Arbeitenden leidet. Nur ein Teil seiner Fähigkeiten, nicht der ganze Mensch, wird in Anspruch genommen. Dies übt eine Rückwirkung auf sein Wesen aus. Persönlichkeitsbildende Kräfte, die in den umfassenden Arbeitsaufgaben liegen, kommen bei den weniger umfassenden, die dementsprechend im allgemeinen Sinne des Wortes geistloser sind, in Wegfall. Der Handwerker von heute versteht seinen Beruf nicht mehr so von Grund auf, wie sein Vorgänger. Er beherrscht die Verarbeitung des Holzes, des Metalls nicht mehr durch alle Phasen hindurch wie jener, weil ihm durch Menschen und Maschinen so und so viel vorgearbeitet wird. Sein Überlegen, Vorstellen und Können wird nicht nach immer neuen Seiten in Anspruch genommen. Das Schöpferische und Künstlerische in ihm verkümmert. An Stelle des normalen Selbstbewußtseins, das aus der Arbeit erwächst, in der er stets aufs neue sein ganzes Überlegen und seine ganze Persönlichkeit einsetzen muß, tritt die an einem vollendet ausgebildeten Teilkönnen sich genüge tuende Selbstbefriedigung, die über der Einzelfertigkeit die allgemeine Unfertigkeit übersieht.
In allen Berufen, am meisten vielleicht in der Wissenschaft, tritt die geistige Gefahr des Spezialistentums für den Einzelnen wie für das allgemeine Geistesleben immer deutlicher hervor. Schon macht sich auch bemerkbar, daß die Jugend von solchen unterrichtet wird, die nicht mehr universell genug sind, um ihr die Zusammenhänge der Einzelwissenschaften zum Bewußtsein zu bringen und ihr die Horizonte in ihrer natürlichen Weite aufzubauen.
(Wahl des Auszugs, Titel und Texthervorherbung von Torsten Nieland)
Wissenschaft, Technik und Ethik -- Kermits Seite
letzte Änderungen: 6.I.2005