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Sprache als Gefängnis

Vortrag von Klaus Elsner im Rahmen der Reihe Wissenschaft, Technik und Ethik

Evangelische Studentengemeinde Clausthal, 26. Mai 2004

Für meinen Vortrag nehme ich Bezug auf eine Bemerkung von Herrn Röthele, der hier einmal in einem nicht allzu weit zurückliegenden Vortrag über den Philosophen Karl Popper gesagt hat - ob seine eigene Meinung oder die Poppers, ist nicht wichtig - Der menschliche Geist verfüge über angeborene Prinzipien. Ich habe damals in der Diskussion meine Zweifel angemeldet, daß man das so sagen könne. Diese Zweifel möchte ich hier ausführlich darlegen. So ergibt sich auch eine gewisse Kontinuität der Vorträge hier, die ja auch ein durchgehaltenes Oberthema haben: Wissenschaft, Technik und Ethik.

Wie kann man überhaupt den menschlichen Geist fassen? Eine gute Möglichkeit ist Betrachtung von Sprache. Sprachen sind verschieden, das ist eine Binsenweisheit, ob es einen durchgehenden Geist gibt, ist vielleicht nicht ausgeschlossen, aber man müßte dazu Sprache beziehungsweise Sprachen untersuchen. Vielleicht hat jede Sprache oder Sprachgruppe ihren eigenen Geist - Mutter Latein und ihre Töchter zum Beispiel -, so daß man von dem jeweiligen Geist der Sprache reden müßte und den entsprechenden Prinzipien der Sprache. Vielleicht sind die Prinzipien nicht angeboren, sondern eingeboren, hängen mit dem Sprachmilieu zusammen, in das ich hineingeboren werde.

Ich lade Sie zunächst also ein zu Sprachbetrachtung, zum Nachdenken über Sprache, genauer über unsere Sprache, wozu wir eine feste Unterlage in Texten haben.

Sie haben schon gehört, daß Deutsch zu den indogermanischen, heute sagt man indoeuropäischen Sprachen gehört. Das Kennzeichnende dieser Sprachen sind gewisse Satzmuster, genauer zwei Satzmuster.

Das eine ist das Satzmuster des Handlungssatzes, das andere das des Bestimmungssatzes.

Der Handlungssatz: Damit ist gemeint: Wir bilden ständig Sätze des Musters Das Baby schreit., Die Sportler laufen., Der Kranke atmet noch., Morgen kommt der Arzt., ein Täter also tut etwas.

Die Zeichnung zeigt eine bewegte Linie für Bewegung beziehungsweise Handlung. Nach diesem Muster ordnen wir alles, Vorgänge ebenso wie Zustände, in denen gar nichts geschieht: Der Blitz leuchtet., Der Berg ruft., Das Bild hängt an der Wand., Der Stein fällt ins Wasser und ruht dann auf dem Grunde., Unbeweglich lag er da., Die Waggons türmen sich - als Zustand - an der Unfallstelle.

Der Täter - oder sagen wir es unpersönlicher, ein Subjekt führt eine Handlung aus. Wer es etwas wissenschaftlich hochgestochener haben möchte: Wir haben ein Agens-actio-Schema. Alles wird über den Leisten dieses Strukturschemas geschlagen.

Immer, wenn man glaubt, man habe nun den Hauch des Glanzes vom Schimmer einer Ahnung, ist ein Gegenmuster zur Verdeutlichung hilfreich: Das zweite Satzmuster, das wir haben, bietet Sätze von der Art: Der Löwe ist ein Raubtier., Du bist aber freundlich., Der Harz ist ein Mittelgebirge., Er ist rauh., Gestern war Paul krank, aber morgen wird er wieder gesund sein.

Sie sehen sofort: Hier ist keine Rede von Handlung:

Während im Handlungssatz über das Subjekt gesagt wird, was es tut, wird jetzt in der Aussage über das Subjekt gesagt, was es ist. Das Subjekt (S) wird irgendwie qualifiziert, näher bestimmt. Deshalb nenne ich es den Bestimmungssatz. Das Subjekt wird eingeordnet, zugeordnet, definiert, in seinem Wesen bestimmt: Alle Menschen sind sterblich. oder beurteilt: Die Politik der Regierung ist undurchschaubar.

Sie sehen schon mit einem halben Auge: Die Aussage ist ein Mittelgebirge besteht strukturell immer aus zwei Teilen, nämlich einer Form von sein (Lateinisch esse), die sozusagen das Kupplungswort zu dem anderen Teil ist, mit dessen Hilfe dem Subjekt eine Eigenschaft, ein Zustand, irgendeine Bestimmung zugesprochen wird. Diesen anderen Teil nennt man Prädikatsnomen (PN). Es kann inhaltlich richtig oder falsch sein, egal, das Muster hat seine Struktur.

Im Lateinischen muß die Kongruenz aller Teile streng gewahrt werden, zum Beispiel filiae sunt sedulae, sind strebsam; filiae (die Töchter) sind weiblich, also muß das sedulae auch eine Form haben, die das weibliche Geschlecht anzeigt, außerdem muß es ebenfalls Plural sein und denselben Kasus haben wie das Subjekt, im Deutschen ist das nur zum Teil so: Ist das Prädikatsnomen im Deutschen zum Beispiel ein Substantiv im Plural, so muß überall Plural stehen, Die Löwen sind Raubtiere., nicht Die Löwen ist Raubtier. oder sind Raubtier., es sei denn, man verwendet Abstrakta, die in sich mehrdeutig sind: Frauen sind keine Ware., aber doch sind. Deshalb die Annäherung des Satzbildes an eine Gleichung. Peter gleicht einem Seildreher, sagt der eine, er zieht seinen Faden in die Länge und geht immer rückwärts. Daraufhin der Gesprächspartner: Sag doch gleich: Peter i s t ein Langweiler.

Das Kupplungswort beziehungsweise Hilfsverb ist so sehr selbstverständlich, daß es auch fehlen kann, ohne daß uns etwas fehlt: Ende gut, alles gut. heißt ja: Wenn das Ende gut ist, ist alles gut.

Wie wahr!, Sehr richtig! Dieser Zwischenruf im Parlament ist ebenso voll verständlich und auch nach seinem Muster eindeutig Bestimmungssatz! Das, was da behauptet, dargestellt, beurteilt wird, wird von den Rufern als wahr und richtig qualifiziert - es ist ebenso voll verständlich und als Satzmuster eindeutig, wie Hört! Hört! ein verkürzter Handlungssatz ist. Erscheint das ist ohne Prädikatsnomen nur allein, dann fungiert es als Vollverb, ist dann das Prädikat eines Handlungssatzes, zum Beispiel: Gott ist. - heißt Gott existiert, Gott gibt es. Das ist etwas ganz anderes als Gott ist groß. Paul ist im Garten. - heißt Paul spielt, befindet sich, hält sich auf im Garten. Diese Ambivalenz von sein, als Kupplungsverb (beziehungsweise Hilfsverb) oder als Handlungsverb wollte ich gleich anfügen, um Einwänden zuvorzukommen.

Zurück zum Handlungssatz:

Ein Täter kann sich mit seiner Handlung auch auf etwas beziehen, richten. Die Handlungen, die ich bisher in Arbeit hatte, waren alle von der Art, daß sie keine gerichteten Tätigkeiten darstellten: atmen, schlafen, liegen, hängen, stehen, kurz, es waren Tätigkeiten ohne Objekte. Dagegen sind sehen, rufen, hören oder treffen gerichtete Tätigkeiten, der Fachausdruck dafür ist transitiv. Sie hängten ihn auf (transitiv), dann hing er da (intransitiv).

Dabei kommt es nicht darauf an, daß diese Tätigkeit (beziehungsweise Richtung auf etwas) intentional absichtlich ist: Der Fußballspieler kann seinen Gegner absichtlich umreißen, ein Baum, der umfällt, kann einen anderen Baum umreißen, kann ein Haus beschädigen, ein Auto zerstören. Das heißt, es ist wie früher: Das Schema Subjekt-Tun ist rein äußerlich. Ob das Subjekt eine Sache ist oder eine Person, ein Vorgang, ein Abstraktum, es kommt nur auf die Struktur an, die ausgedrückt wird.

Wenn ich nach Rom reise, dann ist Rom nicht mein Objekt, sondern eine Richtungsangabe, wenn ich dagegen Rom besichtige, studiere, überfliege, dann ist Rom Objekt. Objekt ist das, was ich sozusagen packe (mit den Augen, den Ohren, den Händen, allen Sinnen, mit Instrumenten auch). Ich kann das hier nicht in allen Facetten durchspielen; ich muß hoffen, daß Sie eine gewisse Vorstellung entwickelt haben, was mit diesem Strukturschema gemeint ist: Hunger t r e i b t den Menschen, Schönheit z i e h t ihn an.

Wenn ich Ihnen nun das Beispiel gebe: Ich pflücke meinem Enkel einen Apfel., so richte ich mich offenbar auf beide, Enkel und Apfel. Der Unterschied ist sehr interessant. Formal sind beide Objekte durch den Fall unterschieden. Warum sagt der Erdgeist in Goethes Faust zum Beispiel Wer ruft mir? und nicht Wer ruft mich?; aber ich muß das hier auf sich beruhen lassen. Es bleibt: Das Subjekt kann sich mit seiner Handlung auf etwas richten, auf etwas beziehen, es gibt aber offenbar verschiedene Arten von Objekten. Das muß hier genügen.

Wenn Sie nun dieses Material sehen:

so kann man offenbar den Sachverhalt auf zweierlei Weise erfassen, je nachdem, wohin der Lichtkegel des Bühnenscheinwerfers fällt. Ich kann den Lichtkegel nach rechts wandern lassen oder nach links, je nachdem, wem mein Hauptaugenmerk gilt: Fällt das Licht auf den Großvater, so ergibt sich Der Großvater liebt den Enkel.; fällt der Kegel auf den Enkel, so ergibt sich Der Enkel wird vom Großvater geliebt. Dieser Wechsel zu einer passiven Variante ergibt offenbar etwas, was auch in die Rubrik Handlungssatz gehört. Ich hoffe, das ist unmittelbar einleuchtend. Handlungssätze gibt es in der aktiven und in der passiven Form. Oder: Man kann eine Tätigkeit unter dem Gesichtspunkt betrachten, von dem sie ausgeht und herkommt, oder, bei wem sie ankommt.

Bedenken wir noch einmal beide Muster, so ist das Bestimmungssatzmuster offenbar das, was für unsere Art von Wissenschaft konstitutiv ist: Wissenschaft will feststellen, will zuordnen, klassifizieren, definieren, logische Schlüsse ziehen, die Wahrheit ermitteln.

Das Ei ist wieder einmal hart!, die Wahrheitsfrage am Frühstückstisch. Ich bin unschuldig, sagt der Angeklagte zu Beginn des Prozesses. Nun soll sich erweisen, was stimmt. Ist der Igel seiner Spezies nach ein Schwein? Jetzt geht es um die Zuordnung zu einer Spezies. Ist dies oder jenes eigentlich ein Tier oder eine Pflanze? - grundsätzliche wissenschaftliche Kategorien sind gefragt.

Ich hoffe, Sie haben jetzt eine hinreichende, hinreichend deutliche Vorstellung davon, was mit den beiden Grundmustern von Sätzen gemeint ist!

Sie sind vorgeordnet aller Unterscheidung von Hauptsatzarten und Nebensatzarten. Denn der Bestimmungssatz Jasmín ist eine fleißige Schülerin., ein Aussagesatz, bleibt auch in der Fragesatzform Ist Jasmín eine fleißige Schülerin? unverkennbar, und ebenfalls in der Befehlssatzform Jasmín, sei fleißig! wie in der Wunschvariante Wenn Jasmín eine fleißige Schülerin wäre! In allen Haupt- und Nebensatzarten hält sich die Zweiteilung von Handlungssatz und Bestimmungssatz durch.

Wenn der bayrische Kabarettist Gerhard Polt eine existentielle Zeitrechnung vorlegt, nämlich
Zeit plus Zeit ist mehr Zeit
Brot plus Zeit ist Brotzeit
Zeit mal Zeit ist Mahlzeit
(GP)
so ist dieser Einschub hier nur deshalb gerechtfertigt, weil es sich deutlich um Bestimmungssätze handelt.

Das Besondere nun ist, und damit soll gleichzeitig gesagt sein, daß wir nun auf etwas Gesondertes, von uns Getrenntes kommen, daß diese Satzmuster nicht in allen Sprachen vorliegen und gelten. Ich bin Latein- und Griechischlehrer (womit Altgriechisch gemeint); was ich bisher gesagt habe, verantworte ich aus meinem Fach heraus - was ich aber jetzt über andere Sprachen sagen werde, ist angelesen. Ich verallgemeinere kühn die Verifizierung am Griechischen, Deutschen, Englischen, Lateinischen und überhaupt an Mutter Latein und ihren Töchtern, den romanischen Sprachen, daß alle indogermanischen Sprachen diese Grundstrukturen aufweisen, aber, in den asiatischen Sprachen wie Chinesisch und Japanisch soll das ganz anders sein.

Das Japanische kennt offenbar den Handlungssatz nicht, das Chinesische nicht den Bestimmungssatz (wobei noch offenbleibt, daß auch das Chinesische den Handlungssatz nicht kennen könnte). Im Japanischen spielt die Hauptrolle die Vorgangsbeschreibung, also Vorgänge und Zustände. Erblühtsein, Erblühtsein, Kirschbämeerblühtsein heißt es da, wo wir sagen würden: Die Kirschbäme blühen. Das bedeutet, mühselig mit unseren Begriffen umtastet: Das Blühen ist die Hauptsache, wer oder was da blüht, unser Subjekt, wird als nähere Bestimmung hinzugesetzt.

Blühen von Birnbäumen, Blühen von Holunder. Ebenso das Bellen eines kleinen Hundes = ein kleiner Hund bellt.Im Haus Schreien von Kindern = die Kinder schreien im Haus. Karl hackt Holz klingt etwa wie Hackken von Holz im Bereich von Karl.

Es ist also erstens gar kein Satz nach unserer Vorstellung, weil überhaupt die Gegenüberstellung, die gleichzeitige Setzung von Täter und Handlung, von Subjekt und Prädikat fehlt und zweitens ist keine Person angegeben, die das Blühen der Kirschbäme sieht. Das ist ja auch nicht nötig, würden wir sagen, aber Ich sehe die Kirschbäume. würde ein Japaner gar nicht ausdrücken wollen, nur wenn ausdrücklich das Ich abgehoben werden soll von anderen, etwas solchen, die das Blühen von Kirschbäumen nicht sehen können, etwa ein Blinder, wird zu besonderen Hilfsmitteln gegriffen, sonst aber Sehen von Kirschbäumen.

Ich denke, also bin ich! würde ins Japanische übertragen etwa lauten: Es denkt in mir! Dabei haben wir wieder die für uns typische gleichzeitige Setzung von Subjekt es und Prädikat denkt in mir, geradezu zwanghaft, denn was dieses es im Deutschen konkret sein könnte, das kümmert uns nicht. Ich hoffe, ich kann Ihnen jetzt ein längeres Zitat zumuten (Sie wissen ja: alles angelesen) aus Wilhelm Luther Sprachphilosophie als Grundwissenschaft, eine Passage über das Phänomen Sehen im Japanischen, etwa Ich sehe Kirschbäume:

Das Sehen wird von der Sprachgemeinschaft nicht als Tätigkeit eines Subjekts entsprechend dem indoeuropäischen Agens-Actio-Modell aufgefaßt. In der japanischen Fassung des deutschen Satzes Ich sehe Kirschbäume sind die Bäume nicht Zielpunkt einer gerichteten Tätigkeit, sondern allein wesentlich ist der Geschehensbestand des Vorgangs. Der Mensch agiert beim Sehen weder als zugreifender willentlicher Täter, noch als Auslöser des Geschehens, sondern eher als affizierter Beobachter, auf den die in der Umwelt sich abspielenden Vorgänge, Ereignisse und ähnliches zukommen. [...] Er bringt diese nicht hervor, sucht sie nicht zu erfassen und beherrschen, sondern öffnet sich ihnen, nimmt sie in sich auf, erlebt sie wie Vorgänge auf der Bühne. (WL, Seite 187)

Eine Formulierung wie: Sie reden nicht in Sätzen wie wir, verschleiert den Skandal, weil wir das unwillkürlich uns zurechtlegen zu: Sie reden in Sätzen, aber anders als wir, aber der Ton liegt auf: Sie reden nicht in Sätzen. Sie haben keine Sätze - immer an unserem eingefleischten Maßstab gemessen. Mit dem Wort eingefleischt will ich das feste Raster andeuten, mit dem wir die Welt nehmen, die Welt, sage ich, denn mit der Sprache erfassen wir die Welt. Mit der Sprache legen wir sie uns unwillkürlich zurecht, das Wort hatte ich eben schon mit Betonung verwendet. Mit dem Wort festes Raster steuere ich auf den Titel Sprache als Gefängnis zu. Mit einem Raster ist man ja festgelegt, ist in ihm gefangen. Muß man sich deshalb schon im Gefängnis fühlen, unfrei, beschränkt? Das noch nicht. Sie oder er ist gefangen beziehungsweise befangen in der Liebe heißt ja noch nicht, daß man im Gefängnis ist. Deshalb muß zu der Überschrift Sprache als Gefängnis noch mehr kommen. Etwas Geduld bitte!

Erstmal möchte ich das Zitat über das Sehen durch ein anderes verstärken. Sie können das Prinzipielle ruhig zweimal hören:

Das Japanische ist als Folie bestens geeignet, die Eigenart der personalen Sprach- und Denkstruktur im indoeuropäischen Raum bewußt und deutlich zu machen. In ihm (das heißt im indoeuropäischen Bereich) wird das innerweltliche Leben und Geschehen überwiegend als Handeln, Tun, Bewirken und Machen von Personen und personhaft vorgestellten Mächten verstanden. Diese stellt man sich als Träger oder Ausgangsfaktoren der innerweltlichen Dinge und Ereignisse vor. Vor allem [aber nicht nur, füge ich hinzu] das Lebewesen Mensch hebt sich als Verursacher oder Veranlasser, als Planer oder beherrschendes Subjekt von den Naturgegebenheiten ab. Sich distanzierend, macht er sie zu Objekten seines Fragens, zerlegt sie in ihre Elemente und setzt diese dann wieder zusammen. Wegen seiner überragenden Rolle als Handlungsträger und -bewirker neigt er grundsätzlich dazu, alle Vorgänge nach dem Schema Subjekt-Prädikat aufzufassen. Ja sogar Geschehnisse und Zustände, die unabhängig von ihm erscheinen, werden nach dem Grundmodell Täter (agens) - Tätigkeit (actio) vorgestellt. (WL, Seite 192)

Wenn etwas geschieht, nehmen wir es nicht rezeptiv hin - rezeptiv hinzunehmen ist ein Pleonasmus, ich weiß, aber hier ist er hilfreich - wir nehmen es nicht rezeptiv hin, sondern wo etwas geschieht, muß ein Bewirker, ein Bewirkendes vorhanden sein. Nach ihm kann geguckt, geforscht werden. So entwickelt sich das Kausalitätsdenken, das für unsere Wissenschaft typisch ist. Für u n s e r e Wissenschaft - sage ich - und will damit andeuten, daß unsere Wissenschaft durch einen bestimmten Blickwinkel geprägt ist - und daß wir natürlich meinen, das mache Wissenschaft überhaupt aus, daß nach Ursache und Wirkung gefragt wird, ob in der Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Seelenwissenschaft (auch Psychologie genannt), in der Medizin, Religions- und Geisteswissenschaft, Gesellschafts- und Umweltwissenschaft.

Wenn es nun Vorgänge der Form

gibt, so muß es ein Subjekt geben. Entsprechend hat am vorigen Mittwoch der Referent, Herr Mertig, der über Planetensysteme unserer Sonne sprach, ganz nebenher gesagt: Störungen der Planetenbahnen lassen auf einen Verursacher schließen. Und so entdeckte man den Pluto. Wir setzen also an den Anfang der Handlungslinie ein Subjekt:

Und unmittelbar zu diesem Blick nach rechts gehört dann der nach links: Richtet sich die Bewegung auf etwas? Wie setzen ein Objekt hinzu:

Habe ich das mit der Ursache begriffen, dann kann ich einen Prozeß von einer Ursache her, die ich willentlich setze, in Gang setzen, also gezielt Wirkungen anpeilen, anzielen. Zum Täter-Subjekt gehört das Ziel-Objekt. Ein weiteres Zitat:

Durch das indogermanische Agens-Actio-Schema werden Ereignisse und Zustände in Abhängigkeit von einem Tätersubjekt gebracht. (WL, Seite 194)

Dazu gehört die künstliche Besamung, die Gentechnik, ebenso wie die Atomspaltung. Wenn ich sehe, daß eine Maßnahme, gezielt, gegen mich ergriffen wird, dann kann ich versuchen, einen Gegenmine zu legen. Und wenn ich, ungezielt, von einer Dürre bedroht werde, kann ich Anstalten treffen, die Wolken zu melken, das heißt die Ursachen der Regenlosigkeit zu beseitigen. Wir nehmen den Kampf auf - oder wie der Oberharzer Bergmann sagte: Wir werden die Wasser schon zwingen. Wie formulierte es Marx?: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern. Das ist gut abendländisch, westisch, indoeuropäisch gedacht, wir wollten es bloß nicht so genau gesagt bekommen.

Ich wiederhole, zur Absicherung, und verlängere ein Zitatstück, das jetzt nicht so sehr als Aussage über Japaner gesehen werden soll, sondern als Aussage über die westliche Sprach- und Denkgemeinschaft:

Der Mensch [der japanische Mensch] agiert beim Sehen weder als zugreifender willentlicher Täter noch als Auslöser des Geschehens [das gilt vielmehr für uns], sondern eher als affizierter Beobachter, auf den die Vorgänge, Ereignisse zukommen. Er bringt sie nicht hervor [dagegen wir], sucht sie nicht zu erfassen und zu beherrschen [das sind wir], sondern öffnet sich ihnen, nimmt sie in sich auf, erlebt sie wie Vorgänge auf der Bühne. (WL, Seite 187)

Beherrschung! - dazu setzt uns das Täter-Tun-Schema in Gang, Subjekt geht auf Objekte los. Unser Denken ist Machtförmig., hat Carl Friedrich von Weizsäcker einmal gesagt. Ich habe das damals noch gar nicht verstanden.

Alles, was ich hier vortrage, ist natürlich mathematisch naturwissenschaftlich nicht zu beweisen, ist Hypothese, ist hoffentlich einleuchtende Theorie - mindestens etwas, was zum Nachdenken anregt. Ich glaube, wir haben das in unserer Situation nötig. Wir werden sehen.

Unter dem Schutz dieses Theorievorbehalts fällt mir ein bekanntes Phänomen ein: Wer ist es in Asien, der sich den Vorgängen, den Ereignissen öffnet? Es ist Buddha. Darf man ihn nicht eine Leitkulturfigur nennen?

Das typische der Buddha-Figuren: Er sitzt, mit untergeschlagenen Beinen, er ist dick und - er hat große Ohren. Ich habe eine Figur, bei der die Ohren die Schultern berühren.

Was ist dagegen bei uns in fast allen großen Städten zu sehen, zum Beispiel beim Verlassen des Bahnhofs in Hannover, in Wien in der Hofburg, in München? Es ist der Held, der Veränderer, der Aktivist des Agens-Actio-Schemas. Von Augustus von Primaporta bis zur Statue von Saddam Hussein, ein Gegenbild zu Buddha. Auch wenn wir mittlerweile ein gebrochenes Verhältnis zu Helden haben, in old Europe, sie stehen noch überall herum. Und von den Dramen bis zu den Märchen reden wir selbstverständlich von Helden, der Fachausdruck heißt: Protagonist. Agon ist Griechisch und Bedeutet Wettkampf, der Protagonist ist der erste im Wettkampf.

Wenn nun, wie in Asien, der Täter fehlt, der ja, das wissen wir nun, auch eine Sache sein kann, so leuchtet es ein, daß das im menschlichen Bereich eine Unterbelichtung der menschlichen Sphäre (WL, Seite 190) nach sich zieht, daß von Subjektlosigkeit (WL, Seite 188), von Ichlosigkeit (WL, Seite 189), von Ich-Unbewußtsein (WL, Seite 189) - alles Zitate - die Rede ist, daß auf u n s e r e r Seite eine Betonung des Subjektbereichs und stärkste Betonung und Würdigung des Subjekts (PH, Seite 11) sowie das beherrschende Subjekt (WL, Seite 192) und Egozentrik konstatiert wird, mittlerweile bei uns ein Riesenproblem bis in die hohen Etagen der Wirtschaft hinein.

Wir sagten: Das Japanische kennt den Handlungssatz nicht. Wie ist es mit dem Bestimmungssatz? Das Chinesische kennt ihn nicht, sagte ich schon, gestützt auf Angelesenes: Das hat ein Chinese, schon um 1900, erarbeitet. Es gebe im Chinesischen nichts dem Hilfsverb sein Entsprechendes (Marcus ist freundlich, ist mein Mitschüler.), das Chinesische habe ganz andere sprachliche Grundkategorien. Deshalb habe das Chinesische auch keine der abendländischen vergleichbare Logik entwickeln können. Die Struktur der indoeuropäischen Sprachen habe die Entfaltung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens begünstigt. - Soweit der Chinese Chang Tun Sun. (WL, Seite 196)

In einem Aufsatz Sprachliche und logische Probleme des physikalischen Denkens in der Reihe Beiträge zum mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterricht hat ein gewisser Bruno Heller 1969 ausgeführt: Geht es darum, Dinge und Erscheinungen der Natur in dem zu erfassen, was sie sind, so muß die dabei verwendete Sprache die Struktur des Aussagesatzes - er meint den Bestimmungssatz - bereithalten (BH, Seite 5). Man sieht, es geht ihm darum, die Dinge in dem zu erfassen, was sie sind, nicht, wie sie handeln. Ich deutete es schon an: Wissenschaft will erfassen. Ich setze das Zitat fort: Der Satz "Das Haus ist rot" ist einer mathematischen Funktion vergleichbar, deren Variablen voneinander abhängen und nur im Funktionsganzen eine konkrete Aussage ergeben (BH, Seite 6). Darum geht es ihm: eine konkrete Aussage zu machen. Konkret heißt eine deutliche, unumstößliche, auch, eine wahre Aussage zu machen. Die berühmte Frage Was ist Wahrheit? erhält mit diesem Satzmuster eine Antwort, will einen großen Anspruch erfüllen. Denken Sie an das stereotype und grundlegende Muster für Schlußfolgerungen: Alle Menschen sind sterblich; Sokrates ist ein Mensch; also ist Sokrates sterblich. Prämissen und Konklusion auch, alles Bestimmungssätze.

Ich fasse zusammen: Das Japanische hat den Handlungssatz nicht, das Chinesische nicht den Bestimmungssatz, wir im Westen, in old Europe aber

Darum ist klar, warum man den Röthele-Satz aus dem Referat über Popper nicht so stehenlassen kann. Nicht Der menschliche Geist verfügt über angeborene Prinzipien. sondern: Der menschliche Geist verfügt je nach den sprachlichen Grundmustern über verschiedene Prinzipien, und angeboren sind sie wohl auch nicht, es sei denn, die Sprachmuster lägen in den Genen. Zum Glück wachsen zu wenige Kinder so auf, daß sie eine eigene Sprache entwickeln. Mir ist nicht bekannt, daß diese Sprachen untersucht worden seien.

Wir Indoeuropäer sind also befangen. Was auf unserer Seite steht, wissen wir nun andeutungsweise, und auch, was auf der anderen Seite nicht steht, eine negative Formulierung. Läßt es sich positiv skizzieren? Wenn ich manchmal im Gespräch etwas von dem Vorgetragenen anklingen ließ, habe ich mehrmals die Reaktion erlebt: Ja, wie machen die Chinesen, die Japaner es dann, wenn sie es nicht so machen wie wir? Wie soll das überhaupt gehen? Das ist doch unvorstellbar. Der japanische Ausdruck für Die Kirschbäume blühen, nämlich Erblühtsein, Kirschbäumeerblühtsein - ich behalte das bei, damit es sich Ihnen besser einprägt - klingt wie ein Ausruf des Staunens. Die Wissenschaftler bezeichnen die japanische Sprache, die chinesische, die koreanische, ja alle Sprachen des ostasiatischen Raums als Erlebnissprachen. Im schon oft zitierten Werk heißt es, die japanische Sprachgemeinschaft lege keinen Wert darauf, den Vorrang bestimmter Satzteile und die Abhängigkeit von diesen zu kennzeichnen, sondern fasse Vorgangserlebnisse durch verbindende Partikel und attributive Formen zu einer Einheit und Ganzheit zusammen. Zugunsten der Erlebniseinheit müsse man deshalb eine gewisse Unschärfe im Ausdruck der logisch-grammatischen Beziehungen in Kauf nehmen. Nicht das Ich, sondern die in der Welt sich abspielenden Vorgänge stehen hier im Mittelpunkt. (WL, Seite 187f) Ich verkürze: Nicht Ichbezogenheit, sondern Allbezogenheit. Das hört sich etwas mystisch an, aber Buddha, wie wir wissen, hört, er kann durchaus die Augen schließen und myein (wovon mystisch abgeleitet ist), das heißt die Augen und Lippen schließen sich. Ich will mit dem folgenden Zitat nur erstmal eine grobe Richtung angeben:

Die meditativen Übungen des Zen-Buddhismus haben das intuitive Auffassungsvermögen der Japaner erheblich verstärkt. (WL, Seite 189) Wir indoeuropäischen Sprecher sehen unter dem Zwang unseres Sprachtypus Tätigkeiten und Kräfte da, wo es richtiger wäre, Zustände oder Vorgänge anzunehmen. Unsere auf den westlichen Sprachen aufbauende moderne Naturwissenschaft könnte sich exakter ausdrücken, wenn sie die Zustände eines Atoms oder einer in Teilung begriffenen Zelle rein verbal darstellen würde. (WL, Seite 196)

Es gibt Sprachwissenschaftler, die in unserem traditionellen Schema eine Verfälschung der Wirklichkeit sehen. Verfälschung ist wieder negativ, dabei wollte ich doch darstellen, was ist. Ich rufe mich zur Ordnung. Und nehme neuen Anlauf: Wir haben doch alle Schwierigkeiten mit den Flußdiagrammen, die eine Vielzahl von aufeinander einwirkenden und rückwirkenden Kräften darstellen sollen, die in sich rückkoppelnden Gleichgewichtssystemen Stabilität verbürgen sollen. Man kann das eigentlich nur rezeptiv, intuitiv erfassen. Wir können diese Linien während ihres Schwingens im dynamischen System ja nicht im einzelnen verfolgen und nachvollziehen. Die höchst komplexen Beziehungen, die das Leben eines Korallenriffs bestimmen, hat man manchmal im Fernsehen uns vorgeführt. Man bekommt dann so etwas wie eine Ahnung, einen Einblick in eine als Ganzes nicht durchschaubare Realität des Lebens.

Frederic Vester, der uns in mehreren Büchern mit dem Rückkopplungs-, mit dem kybernetischen Denken vertraut machen wollte, hat in seinem Buch Das kybernetische Denken auf das winzige Teilsystem eines Teilsystems eines Teilsystems verwiesen: Das ökologische Netz des Blumenkohls umfaßt - ohne Unkraut, Mikroorganismen und Bodenlebewesen - ohne diese! - achtunddreißig verschiedene Spezies zu ihrem Gedeihen. Wer dagegen, anders als wir, eingestellt ist durch seine Sprache, die Welt mehr rezeptiv aufzunehmen, im Kleinen wie im Großen, wer hinschaut, hinhört, wer der Vorgänge und Zustände, des Netzes der Abhängigkeiten i n n e zu werden sich bemüht, statt auf sie einzuwirken, der hat bessere Möglichkeiten, sich - darf man es nicht sagen? - auf das Wunder der lebendigen Gleichgewichtsgemeinschaften einzustellen. Jedenfalls sagt Vester in dem Buch:

Meine Gespräche mit japanischen Freunden machten mir besonders deutlich, daß das östliche Denken ein Boden ist, ohne den wir in Zukunft nicht bauen können. Denn dort werden Denkstrukturen gepflegt, die wir erst mühsam erlernen müssen. Wir werden eines Tages darauf zurückgreifen müssen, denn es ist im Ansatz weit moderner, als unser eigenes, der linearen Logik, der Kausalität entsprechendes Denken. (FV, Seite 109)

Wenn man aus seinem Raster heraus möchte, es überschreiten möchte und merkt, wie schwierig das ist, wie einen alles zurückzieht mit klammernden Organen in das Gewohnte, Eingefleischte (nicht Angeborene), nein Eingelernte und so Eingefleischte, dann ist man soweit, zu erkennnen, daß Sprache auch ein Gefängnis ist, als Gefängnis empfunden werden kann. Nur wer aus einem Käfig heraus möchte, erkennt, daß er in einem Käfig ist! Ich hoffe, ich habe Ihnen nicht nur nachvollziehbar machen können, daß man in einem Sprachraster befangen sein kann. (Es gibt so etwas wie ein sprachliches Relativitätsprinzip, ein Wort des Linguisten Whorf (1897 - 1949)).

Man kann darüber hinaus empfinden, daß diese Befangenheit eine Einschränkung, eine Fesselung bedeutet. Wir sind beschränkt. Ich hoffe, auch davon habe ich Ihnen, wenn auch keinen Begriff, so doch eine Ahnung vermitteln können. Buddha mit seinen großen Ohren kann manches leichter; wir haben kleine Ohren. Ich kann mir auch nicht verkneifen, Sie daran zu erinnern, daß Vernunft von Vernehmen kommt. Das Rezeptive dürfte deshalb uns nicht völlig unzugänglich sein. Das unbewußte Sprachbewußtsein bestimmt das Sein, und das bekannte Wort Ist erst das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht aus. des alten Hegel ist doch überraschend bemerkenswert.


Literatur: (Die Zugehörigkeit der Literaturstellen ist im Text durch die Initialen der Verfasser gekennzeichnet.)


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Wissenschaft, Technik und Ethik -- Vorträge im Sommersemester 2004

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letzte Änderungen: 10.XII.2004